LCB
Stoffe
Friedrich Dürrenmatt

Stoffe. Woraus besteht die Gegenwartsliteratur?

Unsere Reihe im Rahmen von »Neustart Kultur« fragt: Woraus ist die deutschsprachige Gegenwartsliteratur gemacht, aus welchen Materialien, Gegenständen und Ideen besteht sie, aus welchen Stoffen gewinnen Texte heute ihre Kraft?

Materialsammlung »Stoffe«

Friedrich Dürrenmatt, dessen 100. Geburtstag wir in diesem Jahr feiern, setzt sich in seinem Spätwerk »Stoffe« (Diogenes Verlag, 1981–1990) mit der Frage auseinander, was sein Schreiben über Jahrzehnte prägte und warum aus manchem ein Buch oder Stück wurde, anderes hingegen Gedanke, Fragment, Skizze blieb:

„Der Entstehung von Stoffen nachzuspüren, ist nicht einfach. Oft sind es Erinnerungen, die sich im Unbewußten mit einem Einfall verbunden haben, der, taucht er wieder auf, scheinbar nichts mit den Erinnerungen zu tun hat. Indem ich die Entwicklung meines Denkens anhand der Geschichte meiner ungeschriebenen und damit, unwillkürlich, auch meiner geschriebenen Stoffe darzustellen versuche, genauer noch: der Beziehung zwischen Erleben, Phantasie und Stoff nachtaste, um eine Dramaturgie der Phantasie aufzuspüren, läßt sich Autobiographisches nicht vermeiden, damit auch nicht Lappalien, ja Läppisches, allein deshalb, weil auch im Nebensächlichsten oft die Keime zu Stoffen liegen; bleibt das Autobiographische jedoch nebensächlich, bloße Lappalie, ist es fallenzulassen.“

Und wo liegen bei Autor·innen unserer Gegenwart die Keime zu Stoffen? Wie gehen Schriftsteller·innen in einer Zeit mit diesem Thema um, in der in der Literatur, aber gerade auch in den sozialen Medien die autobiographische Fiktion und Stilisierung im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen? Was macht das Schreiben aus, egal, ob dann am Ende ein fertiges künstlerisches ›Produkt‹ steht oder nicht? Welche Stoffe geraten ins Blickfeld, drängen sich auf, müssen bearbeitet oder weggedrängt werden? Was wird zum Kunstwerk, was wandert in den Papierkorb? Das LCB möchte mit der Veranstaltungsreihe Autor·innen die Gelegenheit geben, sich ausführlich mit den Fragen zu beschäftigen, die den Kern von Literatur ausmachen.

Gleichzeitig möchten wir danach fragen, aus was die gegenwärtige deutschsprachige Literatur gemacht ist, welche konkreten Materialien, Gegenstände oder Ideen heute inspirierend wirken oder eine solche Dringlichkeit entfalten, dass sie bearbeitet sein wollen. Begleitend zu den Veranstaltungen bitten wir deshalb die beteiligten Schriftsteller·innen, uns zu ihrem Stoff Materialien zu schicken, Bilder, Texte, Aufzeichnungen, Rechercheunterlagen, Videos. Im Laufe des Jahres entsteht so ein Onlinearchiv der literarischen Stoffe: ein Periodensystem, Alphabet, Kuriositätenkabinett und Museum der poetischen Dinge? Wir freuen uns auf viele von Friedrich Dürrenmatts »Stoffen« inspirierte Gespräche über das, was Schreiben und Literatur im 21. Jahrhundert bedeuten.

Im Rahmen des Programms »Neustart Kultur«, unterstützt vom Deutschen Literaturfonds und der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

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