Aktuelle Ausgabe
Spritz Nr. 231, Oktober 2019

Editorial

Sprache im technischen Zeitalter Nr. 231, Oktober 2019

Thomas Hettche ist einer jener Schriftsteller, der vor allem in seinen Essays seine Ausbildung als Germanist nicht verhehlen kann. Kein Wunder also, dass ihm die Technische Universität Berlin – zu deren Tradition es gehörte, Schriftsteller auf Lehrstühle zu berufen –, eine Honorarprofessur anbot. In diesem Rahmen lädt er nunmehr zum zweiten Mal unter dem Titel „Emphatische Lektüren“ die Studierenden ein, eine erzählerische Prosa der deutschen Literatur mit ihm gründlich zu lesen. Darüber hinaus bittet er Kolleginnen und Kollegen, den ausgesuchten Text aus ihrer schriftstellerischen Sicht zu analysieren. Im letzten Jahr wählte er Heinrich von Kleists „Das Erdbeben in Chili“, in diesem Sommersemester die etwas weniger prominente Erzählung Wilhelm Raabes „Zum wilden Mann“. Daniel Kehlmann, Sibylle Lewitscharoff, Jakob Nolte, Monika Rinck und Ingo Schulze haben sich in Essays auf sehr individuelle Weise mit Raabes Text beschäftigt und dabei auch das eigene Schreiben mehr oder weniger reflektiert. Aus den Essays geht hervor wie der literarische Realismus, die Romantik einholt, wie sich die große Welt in einer kleinen spiegelt, das Wetter ist ebenso Thema wie Erzählhaltungen, die Innenausstattung von Räumen und Felsformationen oder wie Fragen des Kolonialismus.

Katharina Schultens Text „Urmünder“ dagegen lässt das 19. Jahrhundert weit hinter sich und führt ihre Leserinnen und Leser bis ins Jahr 2196 – mit Rückblicken bis in unsere jüngste Vergangenheit. Die in Kopenhagen lehrende Literaturwissenschaftlerin Sophie Wennerscheid untersucht in ihrem Beitrag „Sprache im digitalen Zeitalter“ anhand von Beispielen aus der jüngeren skandinavischen Literatur unter anderem die Autorschaft von Maschinen und robopoetischer Literatur. Eine Dichterin aus Fleisch und Blut jedoch ist Elke Erb, mit der Alexandra Ketterer und Nora Sobbe gesprochen haben. Gemeinsam mit der Autorin gehen sie deren Gedichten auf den Grund und zeichnen Entstehungsprozesse nach. In der Abteilung Auf Tritt Die Poesie stellt Michael Braun die Leipziger Lyrikerin Lara Rüter vor. Als Abschluss des Heftes dokumentieren wir die Laudatio von Corona Schmiele auf die Theaterautorin Caroline Guiela Nguyen, die in Paris mit dem Jürgen Bansemer & Ute Nyssen-Dramatikerpreis 2019 ausgezeichnet wurde.

Inhalt

Auf Tritt Die Poesie

  • Michael Braun: Hier bin nicht ich das Fossil
  • Lara Rüter: Gedichte
  • Lara Rüter: mein schwarzer kater_
  • Elke Erb, Alexandra Ketterer, Nora Sobbe: Denken, Sprechen, Meinen

Emphatische Lektüren

  • Thomas Hettche: Emphatische Lektüren II
  • Daniel Kehlmann: Woran die Romantik zerschellt
  • Sibylle Lewitscharoff: Zwischen großer und ganz kleiner Welt
  • Jakob Nolte: Die Manifeste des Surrealismus
  • Monika Rinck: Die Rache der ausgeschlossenen Möglichkeiten
  • Ingo Schulze: Ich, der andere Böse?

Katharina Schultens: Urmünder

Sophie Wennerscheid: Sprache im digitalen Zeitalter

Corona Schmiele: Die Macht der Tränen

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