Aktuelle Ausgabe
Spritz Nr. 232, Januar 2020

Editorial

Sprache im technischen Zeitalter Nr. 232, Januar 2020

»Europa und seine Grenzen« hieß eine gemeinsame Veranstaltung des Centre Marc Bloch und des Literarischen Colloquiums Berlin, das im November 2018 in Berlin über die Bühne ging. Als einer der Initiatoren, Markus Messling, in der Phase der Feinplanung war, zeigte ihm ein Kollege den Tagungsband einer Veranstaltung aus dem Jahr 1993, Penser l’Europe à ses frontières, also „Europa an seinen Grenzen denken“. In seiner Einführung zu einer Podiumsdiskussion mit Adania Shibli, Mathias Énard und Senthuran Varatharajah, die wir in diesem Heft dokumentieren, beschrieb Messling einerseits, was heute noch ähnlich verhandelt wird wie Anfang der Neunziger, vor allem die Beschränkung der persönliche Reisefreiheit von vielen Menschen im Gegensatz zur fast völlig freien Zirkulation des Kapitals. „Andererseits erleben wir ein Zeitalter des Neonationalismus. In diesem erleben wir allerorten die Rückkehr zu den vermeintlich eigenen Fundamenten. Europa ist längst zu einem Kampfbegriff der identitären Aktion geworden.“ Neben der Dokumentation dieser Diskussion, in der Texte von Adania Shibli und Senthuran Varatharajah mit integriert sind und die mit einer Bildstrecke des soeben im Avant Verlag erschienenen Comics »Zuflucht nehmen« von Mathias Ènard (Zeichnung Zeina Abirached, übersetzt von Annika Wisniewski) endet.

Eingeleitet wird der Schwerpunkt mit einem Text von Messling und Wolfgang Asholt, der auch einen längeren einführenden Essay »Europa – Literatur – Grenzen« beiträgt. Ein weiterer Abend der letztjährigen Veranstaltung, der von Cornelia Ruhe moderiert wurde, wird hier mit literarischen Originaltexten der beteiligten Autorin, Anja Kampmann, und des im Libanon geborenen und in Frankreich lebenden Autors Oliver Rohe gewürdigt. Der kurze einleitende Text von Cornelia Ruhe kreist um den Heimatbegriff, der sowohl für Oliver Rohe als auch für Anja Kampmann nicht so leicht fassbar ist.

Auch der Beginn des Heftes ist international. Der in St. Louis lebende und lehrende Matthias Göritz bringt uns den finnischen Lyriker Markku Paasonen näher, der in seinem Langgedicht »Ein fulminanter Ausflug« vom Hund und seinem Herr erzählt. Dazu drucken wir, wir bleiben im Ausland, die Laudatio, die Katrin Schumacher anlässlich der Verleihung des Spycher: Literaturpreis in Leuk an die Prager Autorin Radka Denemarková hielt. Zurück im Berliner Raum sind wir aber dann doch noch mit dem Gespräch, das der Heidelberger Literaturkritiker Michael Braun mit Gerhard Falkner über seinen letzten Gedichtband »Schorfheide – Gedichte en plein air« geführt hat.

Inhalt

Auf Tritt Die Poesie

  • Matthias Göritz: Monolog mit Hund
  • Markku Paasonen: Ein fulminanter Ausflug
  • Michael Braun/Gerhard Falkner: Alles ist süß, vergeblich und digital

Europa – Literatur – Grenzen

  • Wolfgang Asholt/Markus Messling Welt im Text: Europa und seine Grenzen
  • Wolfgang Asholt: Europa – Literatur – Grenzen
  • Mathias Énard, Markus Messling, Adania Shibli, Senthuran Varatharajah: Nach dem Orientalismus: Schreiben in Bezug zur Welt

Cornelia Ruhe Jenseits der Heimat/ Après la „Heimat“
Oliver Rohe: Défaut d’origine
Anja Kampmann: Gedichte

Katrin Schumacher: Ver-Ortungen

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