Spr.i.t.Z – Aktuelle Ausgabe
Spritz Nr. 235, August 2020

Sprache im technischen Zeitalter (Spr.i.t.Z.) Nr. 235, August 2020

Editorial

Inmitten des Ersten Weltkriegs erschienen 1916 unter dem Titel Gehirne fünf Prosa-Texte Gottfried Benns, der bis dahin als Lyriker in Erscheinung getreten war und von seinen Erlebnissen in den Totenhäusern, den Morgues, gedichtet hatte. Der Schriftsteller Thomas Hettche hat diese Texte, in deren Mittelpunkt der junge Arzt Rönne steht, als Gegenstand der mittlerweile dritten Auflage seines Seminars „Empathische Lektüren“ gewählt. Normalerweise bietet diese Veran­staltung im Sommersemester Studierenden die Möglichkeit, an der Techni­schen Universität Berlin sich intensiv mit kanonischen Erzählungen zu beschäfti­gen. Aufgrund der Pandemie war diese Form des Austauschs dieses Jahr nicht möglich, aber demungeachtet kamen vier essayistische Auseinandersetzungen von Schriftstellerinnen und Schriftstellern mit Benns Prosa zustande. Lukas Bärfuss, Durs Grünbein, Katharina Schultens und Sabine Scholl stecken nicht nur sämtliche literarischen Gattungen in ihrem eigenen Schaffen ab, sondern haben auch ganz verschiedene Zugänge zu Benns Textsammlung gewählt: Ihre Entstehung während des Krieges findet genauso Beachtung wie medizinische Diskurse, die eigene Haltung zu Benn als ambivalenter Figur wird reflektiert, Selbstexperimente mit seiner Arbeitsumgebung – in diesem Fall vermittelt als Besuch im Medizinhistorischen Museum – wurden versucht. Die Veranstaltung wurde durch großzügige Förderung der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung und der Gesellschaft von Freunden der Technischen Universität Berlin ermöglicht. Lyrik, Benns bekanntestes Metier, nimmt in dieser Ausgabe auch ihren Platz ein. Am Anfang dieses Heftes stehen Gedichte von Mircea Cărtărescu, die Ernest Wichner aus dem Rumänischen übersetzt hat. Margret Kreidl ist mit zwölf Gedichten ohne Titel vertreten. Und der Literaturkritiker Michael Braun stellt in der Kolumne Auf Tritt Die Poesie den Schweizer Lyriker Michael Zingg vor, der während seines langen literarischen Werdegangs auf eigenständige Veröffentlichungen bislang weitestgehend verzichtet hat, und eine poetologische Reflexion beisteuert. Das Werk von Szilárd Borbély, wohl einer der begabtesten ungarischen Schriftsteller seiner Generation, der Lyrik wie Prosa geschrieben hat und 2014 aus dem Leben schied, ist Thema eines Gesprächs zwischen seiner Übersetzerin Heike Flemming und der Kritikerin Beate Tröger. Borbély hat sich in seinem Schaffen immer wieder mit dem Holocaust beschäftigt. Die britische Autorin Kim Sher­wood hat in ihrem Debüt die Geschichte ihrer Großeltern, zweier Holocaust-Überlebender, aufgeschrieben. Wir drucken Auszüge aus Testament in der Über­setzung von Tom Zille. Das Heft schließt mit der Laudatio von Judith Schalansky auf Jutta Person, die 2019 mit dem Jörg-Henle-Preis für Literaturkritik ausge­zeichnet wurde.

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