György Dalos: »Sachalin als Metapher«

Lesung: György Dalos

Im Jahr 1890 brach der damals dreißigjährige Anton Tschechow zu einer anstrengenden und gefährlichen Reise zehntausend Kilometer ostwärts auf. Ziel der Reise war die Insel Sachalin, die als gefürchtete Gefängnisinsel für Kriminelle, aber auch für politische Gegner des Zarismus und des Stalinismus eine traurige Berühmtheit erlangte. Tschechow nannte die Insel einen Ort der unerträglichsten Leiden, deren ein freier und unfreier Mensch überhaupt nur fähig sei.

Genau 110 Jahre später machte sich der in Berlin lebende ungarische Schriftsteller György Dalos auf zur Insel im Ochotskischen Meer. Im Herbst 2001 erschien in der Europäischen Verlagsanstalt seine Dokumentation »Die Reise nach Sachalin. Auf den Spuren von Anton Tschechow«. Darin ist nachzulesen, wie abenteuerlich die Anreise noch heute ist. Für Dalos ist Sachalin nicht nur ein Teil Russlands, sondern bildet die russischen Verhältnisse im Kleinen ab: »Sachalin ist eine Metapher«. Ein Bericht aus der postsowjetischen Provinz über den wirtschaftlichen und sozialen Verfall im Jahr 2000, aber auch von der sprichwörtlichen Gastfreundschaft der Russen.

György Dalos wurde 1943 in Ungarn geboren, studierte von 1962 bis 1967 an der Moskauer Universität und wurde 1968 in einem politischen Prozeß mit Haft und Arbeitsverbot bestraft. Auf Deutsch erschienen u.a. die Romane »Der Versteckspieler« (1994), »Der Gottsucher« (1999) und eine Untersuchung über das Ende des Ostblock-Witzes, »Proletarier aller Länder entschuldigt mich« (1993).

24.01.02

Donnerstag

Ort

Literarisches Colloquium Berlin · Am Sandwerder 5 · 14109 Berlin

Teilnehmer•innen

György Dalos

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