Zu Ostern ein Filmgeschenk

Das literarische Profil von Berlin (R: Wolfgang Ramsbott, 1971)


Auch wir nehmen die Zeit der verwaisten Auditorien zum Anlass, eine Kostbarkeit aus unserem Archiv zu teilen. Zwischen 1968 und 1971 entstand im LCB die Dokumentarfilmreihe »Das literarische Profil europäischer Großstädte«. Die hauseigenen Produktionen – Regie: Wolfgang Ramsbott, Drehbuch und Stimme im Hintergrund: Walter Höllerer – zeigen Autorinnen und Autoren im gesellschaftlichen Kontext ihrer Stadt. Die literarischen Profile von PRAG (1969), STOCKHOLM (1969), ROM (1970), LONDON (1970) und von BERLIN (1971) sind Szeneporträts, die man heute staunend zur Kenntnis nimmt. Der Berlinfilm, den wir verfügbar machen, ist eine achtzigminütige Zeitreise in (die immerzu verrauchten) West-Berliner Kneipen (»Bundeseck« am Friedrich-Wilhelm-Platz) und Lesebühnen, in Verlagsbüros und Druckwerkstätten, in die Salons und Wohnzimmer der tonangebenden Intellektuellen: Besuche bei Ingeborg Drewitz, Günter Grass und Uwe Johnson, im Atelier von Kurt Mühlenhaupt, auf einen Kaffee beim Theaterkritiker Friedrich Luft. Sehr präsent sind die Fixpunkte der ›freien Szene‹, wie man sie heute nennen würde: die Werkstatt Rixdorfer Drucke, das »Verlagskollektiv Wagenbach«, eine Veranstaltung des Arbeitskreises Berliner Jungbuchhändler mit dem jungen Oskar Pastior. Internationales Highlight: die österreichische Community um Oswald Wiener, Gerhard Rühm, Gerald Bisinger, Ernst Jandl und Friederike Mayröcker. Straßenszenen in schwarz-weiß, Nachkriegsatmosphäre. Die Stadt ist geteilt, die Köpfe von ›drüben werden als Diashow eingespielt (Fotos: Renate von Mangoldt). Und über allem schwebt ein Leitmotiv: die Teilstadt als Territorium künstlerischer Entfaltung.

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