Everybody Hates Us and We Don’t Care
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Everybody Hates Us and We Don’t Care

28.10.19A. L. Kennedy

This statue of George Orwell stands to the right of the BBC’s flagship London base, Broadcasting House. Broadcasting House was once simply a magnificent Art Deco temple to art, complete with a Latin motto carved in stone and visible as soon as anyone entered through the main doors. The stone etched words talked about good seed bringing forth good fruit and nation speaking peace unto nation.
The brutally modern recent extension of Broadcasting House includes a commercial coffee outlet, a bizarre and unexplained series of place names carved into the pavement, many of them relating to human rights abuses, a gloomy subterranean canteen, a scatter of studios and multiple floors of indistinguishable and interchangeable workspaces. Staff share shoddy kitchen facilities, inadequate bins, desks and a lack of private spaces. There are mice. Overall, the building gives the impression that a provincial airport has been forced into temporary service after some dire mistake. It seems to constantly insult all involved in attempts at TV or radio broadcasting.
Orwell is more popular than ever in these dystopian times and the great man worked for the BBC during WW2, promoting the arts, planning discussions, giving Empire voices access to the airways and roundly insulting the BBC. His chosen quote relates to the telling of startling truths to a misled public, something to which he was devoted. The BBC, like so many de-skilled and underfunded broadcasters, is now addicted to startling without truth. And, of course, the production of endless shock ultimately misleads viewers and listeners, dragging them into hostile, paranoid, fearful mind-sets. Inarguable facts are billed as ‘controversial’, shouting is preferred to nuanced discussion, lies go unchallenged as the carnival staggers on. There are fewer and fewer opportunities for pressing realities to intrude. Often underpaid, on short term contracts and with their pensions gone, many staff members are horrified by BBC News and Current Affairs’ plunge towards populism, shock-addiction and poor-quality journalism. The combination of naivety, cost cutting and Right Wing talking points is palpably toxic and loses the corporation as a whole its natural support amongst those who approve of publicly funded, independent broadcasting.
Meanwhile our public policy and our politicians proceed with little or no oversight from our principle broadcaster and fascist figureheads are given air time for the sake of ‘balance’. Lies ‘balance’ the truth, fantasy ‘balances’ reality – the basic premises of journalism crumbling under the endless pressure of stress, cost-cutting, amateurism, opportunism and a small core of genuine enthusiasm for Right Wing ideology. Suddenly Orwell’s quote looks more and more as if it’s saying, “We reserve the right to harm and hurt you and we’re calling it ‘Liberty’.”

Alle Hassen Uns Und Uns Ist Das Egal

28.10.19A. L. Kennedy

Diese Statue von George Orwell steht rechts neben dem Londoner Vorzeigestandort der BBC, Broadcasting House. Einst war Broadcasting House nur ein prachtvoller Art-Deco-Tempel für die Kunst, mit einem in Stein gemeißelten lateinischen Sinnspruch, der allen, die durch das Eingangsportal traten, sofort ins Auge fiel. Die Inschrift handelte von den guten Früchten vom guten Baum und vom Frieden, dessen sich die Völker gegenseitig versichern sollten.

Die jüngste, rabiat moderne Erweiterung des Gebäudes umfasst einen Kaffeeverkauf, eine groteske und rätselhafte Reihe von Ortsbezeichnungen in den Bodenplatten – viele von ihnen beziehen sich auf Menschenrechtsverletzungen –, eine düstere unterirdische Kantine, verstreute Studios und mehrere Etagen austauschbarer und ununterscheidbarer Arbeitsplätze. Die Belegschaft teilt sich schäbige Küchen, unzulängliche Mülleimer, Schreibtische und einen Mangel an Rückzugsraum. Es gibt Mäuse. Insgesamt vermittelt das Gebäude den Eindruck, ein Flughafen aus dem Hinterland sei nach einem schrecklichen Irrtum zur Benutzung requiriert worden. Es kommt wie eine Beleidigung für alle, die im Fernsehen oder Rundfunk arbeiten, daher.

Orwell ist in diesen dystopischen Zeiten beliebter denn je und während des Zweiten Weltkriegs arbeitete der große Mann für die BBC, förderte dort die Künste, plante Debatten, gab Stimmen aus den Kolonien Sendezeit und beleidigte rundheraus die BBC. Das Zitat von ihm dreht sich darum, einer irregeführten Öffentlichkeit bestürzende Wahrheiten zu verkünden, ein Ziel, das ihm am Herzen lag. Wie so viele unterfinanzierte und dequalifizierte Rundfunksender ist die BBC heute dem Bestürzen ohne Wahrheiten verfallen. Und natürlich führt die Erzeugung endlosen Schreckens das Publikum am Ende in die Irre und versetzt es in eine feindselige, paranoide und angsterfüllte Geisteshaltung. Unbestreitbare Tatsachen werden als „kontrovers“ verkauft, Gebrüll wird differenzierter Diskussion vorgezogen und Lügen bleiben unangefochten, während der ganze Zirkus immer weitertorkelt. Die ernste Wirklichkeit drängt sich dabei immer seltener hinein. Viele der unterbezahlten, befristet und ohne Hoffnung auf Rente beschäftigten Angestellten sind entsetzt vom Absturz des BBC-Nachrichtenressorts in Populismus, Sensationslust und minderwertigen Journalismus. Die Verbindung von Ahnungslosigkeit, Sparmaßnahmen und rechten Gesprächsthemen ist spürbar zerstörerisch und führt zum Verlust der Unterstützung, welche die BBC als Ganzes selbstverständlich von all jenen erhält, die öffentlich finanzierten, unabhängigen Rundfunk schätzen.

Unterdessen handeln unsere Politik und öffentliche Verwaltung weitgehend ohne Kontrolle durch unseren wichtigsten Rundfunksender und Galionsfiguren der Faschisten bekommen im Interesse der „Ausgewogenheit“ Sendezeit zugesprochen. Die Wahrheit wird durch Lügen „ausgewogen,“ die Wirklichkeit durch Fiktion – und die Grundsätze des Journalismus lösen sich unter dem endlosen Druck von Überbelastung, Sparmaßnahmen, Dilettantismus, Opportunismus und einem kleinen Grundbestand an echter Begeisterung für rechte Ideologien auf. Plötzlich sieht Orwells Zitat mehr und mehr so aus, als sagte es uns: „Wir behalten uns das Recht vor, Euch zu verletzen und zu schaden und wir nennen es ‚Freiheit‘.“

Übersetzung: Tom Zille

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A. L. Kennedy

A. L. Kennedy, 1965 im schottischen Dundee geboren, zählt zu den wichtigsten zeitgenössischen englischen Autorinnen. Sie wurde mit zahlreichen wichtigen Literaturpreisen ausgezeichnet. 2007 erhielt sie den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur, 2016 den Heine-Preis. Kennedy lebt in London und unterrichtet kreatives Schreiben an der University of Warwick.

A. L. Kennedy, born in 1965 in Dundee, Scotland, is one of the most important contemporary English authors. She has been awarded with numerous important literary prices. In 2007, she received the Austrian State Prize for European Literature, in 2016 the Heine Prize. Kennedy lives in London and teaches creative writing at the University of Warwick.

Mit freundlicher Unterstützung des Auswärtigen Amts

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