In an Australian Suburban Street
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In an Australian Suburban Street

20.01.20John Mateer

Just over a week ago a man was living in the alcove in front of what used to be the barbershop in Inglewood, Perth, Australia. It is a small space shielded from Beaufort Street, from the wind and the sun. I think I saw the man sitting up only once. On the occasions I passed him he was curled up, almost hidden, under blankets.

One day he was sitting at my bus-stop, drinking from a poorly concealed bottle of white wine. I didn’t say anything to him, nor did the others who were waiting for the bus.

He was the first homeless person who has found a place in Inglewood, my neighbourhood. Even though there has been a disturbing increase in homelessness in Perth – so much so that a few businesses have had to move away from Hay Street Mall, the city’s main pedestrian shopping strip – this man was the first person to conspicuously inhabit a place along the busiest street in my, largely residential, suburb.

Two days ago, when I went to catch the bus, I found that he was gone. Had I, the night before, heard the police talking with him? So I took this photograph of the bottles as a kind of evidence.

They don’t exactly mark the number of days he was there. He must have consumed two or three bottles a day. For me, they do record his time there in the way that in films a prisoner might make a mark on a wall each day, then cross them out in units of weeks, months, years. As I am writing this, thinking on that means of calculation, that way of marking off days until freedom, perhaps even until the ultimate freedom of escaping this life, I remembered a poem I wrote two decades before*:

STREETKID

The child’s skull rests on his arm on the doorstep,
his limbs curled up, relaxed, weighing lightly
on the concrete like guilt on the everyday.
He’s foetal, napping in the thin warmth of the winter afternoon.

Last night he would have been up and down Long Street
begging with the Dickensian, “Please Sir.”
And in the coldest hours, after inhaling glue fumes from a crumpled bag,
he would have found sleep with the other runaways and orphans
somewhere out of the wind
under a huddle of limbs, heads and open hands.

As I walk past him he twitches, still fast asleep,
his little hand tensing into a fist,
and his dry blistered mouth opens to the comfort of a thumb.

[*The poem first appeared in a chapbook called “Makwerekwere” published by The Zero Press, Johannesburg, 2002.]

All those years ago, in Cape Town, South Africa, I had seen what was then common in the city’s most famous thoroughfare of Long Street – sleeping children piled up against one another in alcoves similar to this one in my neighbourhood. As I passed them one morning, I noticed that one boy was sucking his thumb, simply, peacefully, like a child weaned yet yearning for the presence of his mother, that eternal home.

Eine Straße im australischen Vorort

20.01.20John Mateer

Es ist gerade eine Woche her, dass ein Mann in der Nische vor einem ehemaligen Friseursalon in Inglewood, Perth, Australien gelebt hat. Es ist eine kleine Lücke, die von der Beaufort Street abgeschirmt ist, vom Wind und von der Sonne. Ich glaube, ich habe den Mann nur einmal aufrecht sitzen sehen. Wann immer ich an ihm vorbeigegangen bin, lag er zusammengerollt, beinahe versteckt, unter Decken.

Eines Tages saß er an meiner Bushaltestelle und trank aus einer nur dürftig verhüllten Weißweinflasche. Ich habe nichts zu ihm gesagt, ebenso wenig wie die anderen Menschen, die auf den Bus warteten.

Er war der erste Obdachlose, der einen Schlafplatz in Inglewood gefunden hat, dem Viertel, in dem ich lebe. Obwohl die Zahl der Obdachlosen in Perth auf beunruhigende Weise gestiegen ist – so stark, dass einige Geschäfte aus der Fußgängerzone der Hay Street Mall wegziehen mussten – war dieser Mann die erste Person, die deutlich sichtbar auf der belebtesten Straße in meinem Vorort gelebt hat.

Als ich nun vor zwei Tagen den Bus erwischen wollte, habe ich festgestellt, dass er nicht mehr da war. Ich fragte mich, ob ich die Polizei in der Nacht zuvor mit ihm habe sprechen hören. Also machte ich ein Foto von den Flaschen, sozusagen als Beweis.

Sie kennzeichnen nicht die genaue Anzahl an Tagen, die er hier war. Er muss zwei oder drei Flaschen pro Tag getrunken haben. Für mich jedoch dokumentieren sie den Zeitraum seines Aufenthalts auf die gleiche Art und Weise, wie Häftlinge im Film jeden Tag einen Strich an die Wand malen, um sie dann in Einheiten aus Wochen, Monaten, Jahren, zusammenzufassen. Während ich diesen Text schreibe, muss ich über diese Art von Rechenhilfe nachdenken, dieses Durchstreichen der Tage bis zur Freiheit, vielleicht sogar bis zur endgültigen Freiheit, mit der wir unserem Leben entkommen. Und während ich diesen Text schreibe, fällt mir ein Gedicht wieder ein, das ich vor zwei Jahrzehnten einmal geschrieben habe:

EIN STRASSENKIND
Der Kopf des Kindes ruht auf seinem Arm, an der Türschwelle,
eingekringelt seine Glieder und entspannt, auf dem Beton
so leichtgewichtig wie die Schuld auf allem Alltag.
Fötusartig döst er in der dünnen Wärme dieses Winternachmittags.

Letzte Nacht trieb er sich wohl in der Long Street herum,
bettelte mit einem Dickens-haften: Please Sir,
und in den kältesten Stunden, nachdem er Kleisterdampf aus einer zerknüllten Tüte inhalierte,
fand er wohl Schlaf mit anderen Ausreißern und Waisen,
irgendwo vor Wind geschützt,
in einem Knäuel von Gliedern, Köpfen, offenen Händen.

Als ich vorbeigehe an ihm, zuckt er, noch immer tief im Schlaf,
die kleine Hand zur Faust geballt,
sein trockener, blasenbedeckter Mund, eröffnet sich dem Trost durch einen Daumen.

[Übersetzung von Ludwig Roman Fleischer. Aus »Ex-White/Einmal weiß«, Sisyphus verlag 2009]

Vor all diesen Jahren habe ich in Kapstadt, Südafrika, gesehen was nur allzu üblich war auf der Hauptverkehrsstraße Long Street – schlafende Kinder, die aufeinandergestapelt in Nischen ähnlich jener in meiner Nachbarschaft lagen. Als ich eines Morgens an ihnen vorbeilief, fiel mir auf, wie ein Junge an seinem Daumen lutschte; arglos, friedlich, wie ein Kind, das längst abgestillt wurde, und doch noch immer nach der Gegenwart seiner Mutter verlangt, seinem ewigen Zuhause.

Übersetzung: Juliane Schallau

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John Mateer

John Mateer is a poet as well as curator and essayist for contemporary art. He was born in South Africa and emigrated to Australia in 1989, where he lives up to now. His texts are devoted to cultures as conglomerates of different influences, for example in Indonesia or on the Cocos Islands. He is author of awarded poetry books such as “Barefoot Speech” (2000), “Loanwords” (2002), “Ex-White: South African Poems” (2009) and “Unbelievers, or the Moor” (2013), and the travelogue “Semar’s Cave: an Indonesian Journal” (2004). With the kind support of the German Federal Foreign Office, he was a house guest at the LCB in October 2018.

John Mateer ist Dichter sowie Kurator und Essayist für zeitgenössische Kunst. Er wurde in Südafrika geboren und wanderte 1989 nach Australien aus, wo er heute auch lebt. Seine Texte widmen sich Kulturen als Konglomeraten verschiedener Einflüsse, z. B. in Indonesien oder auf den Kokosinseln. In deutscher Übersetzung sind erschienen »Einmal Weiß. Südafrikanische Gedichte« (Sisyphus, 2009), »Der Narbenbaum« (hochroth Wien 2015) und »Ungläubige« (Sonderzahl, 2017). Mit freundlicher Unterstützung des Auswärtigen Amts war er Hausgast im LCB im Oktober 2018.

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