ORTSVERSETZT (I)

Gemeinsame Auftaktveranstaltung von Lesart, Literaturhaus, LCB, literaturWERKstatt, Literaturforum im Brecht-Haus

Lesung und Diskussion mit Günter Grass
Moderation: Dietrich Simon

»Es begann mit dem Verlust der Heimat. Doch dieser Verlust war, so schmerzlich er blieb, als begründet einzusehen. Deutsche Schuld, das heißt ein verbrecherisch geführter Krieg, der Völkermord an Juden und Zigeunern, Millionen ermordeter Kriegsgefangener und Zwangsarbeiter, das Verbrechen der Euthanasie, zudem das Leid, das wir als Okkupanten unseren Nachbarn, besonders dem polnischen Volk, zugefügt haben, all das führte zum Verlust der Heimat.

Die meisten meiner Bücher beschwören die untergegangene Stadt Danzig, deren gehügelte wie flache Umgebung, die matt anschlagende Ostsee; und auch Gdansk wurde im Verlauf der Jahre zu einem Thema, das fortgeschrieben sein wollte. Verlust machte mich beredt. Nur was gänzlich verloren ist, fordert mit Leidenschaft endlose Benennungen heraus, diese Manie, den entschwundenen Gegenstand so lange beim Namen zu rufen, bis er sich meldet. Verlust als Voraussetzung für Literatur. Fast neige ich dazu, diese Erfahrung als These in Umlauf zu bringen.

Zudem hat der Verlust von Heimat mich frei gemacht für Bindungen anderer Art. Der allem Heimatlichen eingeborene Zwang, seßhaft sein zu müssen, ist aufgehoben. Geradezu leichtfertiges Vergnügen am Ortswechsel gibt Neugierde auf das Fremde frei.«

Günter Grass: Rede vom Verlust.

Gefördert aus Mitteln des Hauptstadtkulturfonds.

20.10.01

Samstag

Ort

Museum für Kommunikation · Leipziger Straße 16 · Berlin-Mitte

Teilnehmer•innen

Dietrich Simon, Günter Grass

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