LCB
Kevin Lambert

Kevin Lambert

Montreal, Québec

Zu Gast im LCB:
Mai 2022

Kevin Lambert, geboren 1992, wuchs in Chicoutimi auf. Sein beiden Romane »Tu aimeras ce que tu as tué« (2017) und »Querelle de Roberval« (2018) wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Prix découverte du Saguenay-Lac- Saint-Jean, der Prix Sade und der Prix du CALQ – Œuvre de la relève. Mit freundlicher Unterstützung der Vertretung der Regierung von Québec, mit Unterstützung des Conseil des arts et des lettres du Québec (CALQ).

Kevin Lambert
Kevin Lambert © Les Marois

Interview, June 2022

english:

There is this beautiful sentence in your book »Tu aimeras ce que tu as tué«: „I make my drawing without outlines, I tell myself that in real life there are no outlines […]” How is the experience of borderlessness manifested in your writing?

I think it appears in many ways. I am interested in these moments or places or emotions when things blur, when the distinctions are not clear anymore, when straight lines go queer. That’s what attracts me in arts and that’s what I try to explore in my writing.

In both of your novels the protagonists aim for revenge. Do you think that rage can be a productive emotion to write?

I think all complex and strong emotions are good for writing. I think literature is a place to transform these emotions, to use them as a vehicle to bring the things somewhere else. So, in my books I try to give rage and revenge a political meaning. In the two books it has a different meaning, but it opens to politics in the end.

»Querelle de Roberval« is a homage to Jean Genet. Is there someone else who deeply influenced you in your writing?

Yes, Jean Genet is a big influence. For this book especially. I am also really inspired by Virginie Despentes and her books »Vernon Subutex«. Mostly in the way she writes from different points of view, sometimes contractionary, about people which think things that doesn’t work together. Virginie Despentes thinks a novel as a place where all these different points of views can coexist. The political force of a writing is somewhere between all those different points of views.

german:


Es gibt diesen wunderschönen Satz in deinem Roman »You will love what you have killed«: „Ich zeichne ohne Konturen. Ich sage mir, dass es im echten Leben keine Umrisse gibt.“ Wie macht sich die Erfahrung der Grenzenlosigkeit in deinen Texten bemerkbar?

Ich glaube, sie erscheint auf verschiedene Weisen. Mich interessieren diese Momente, diese Orte oder Emotionen, in denen die Dinge verschwimmen, dann, wenn keine klaren Unterscheidungen mehr zu machen sind, wenn Geradlinigkeit verqueert. Das ist, was mich in der Kunst interessiert, was ich im Schreiben zu erforschen suche.

In beiden deiner Romane fordern die Protagonist·innen Rache. Empfindest du Wut als produktiv für das Schreiben?

Ich glaube, dass alle komplexen und starken Gefühle gut sind für das Schreiben. Ich glaube, dass Literatur der Ort ist, diese Emotionen zu transformieren. In meinen Büchern versuche ich Wut und Rache in ihrer politische Dimension zu beleuchten. In beiden Büchern bedeuten sie unterschiedliches, aber letztendlich ist es politisch.

Dein zweites Buch »Querelle de Roberval« ist eine Hommage an Jean Genet. Wer sonst beeinflusst dich in deinem Schreiben?

Ja, Jean Genet hat mich stark beeinflusst. Für dieses Buch im speziellen. Auch inspiriert mich Virginie Despentes und ihre Bücher »Das Leben des Vernon Subutex«. Besonders, weil sie aus unterschiedlichen, manchmal widersprüchlichen Perspektiven schreibt, über Menschen, die Dinge denken, die nicht zusammenpassen. Virginie Despentes denkt den Roman als einen Ort, an dem all diese verschiedenen Perspektiven Koexistieren können, die politische Kraft des Schreibens bewegt sich zwischen diesen unterschiedlichen Positionen.

Übersetzung: Jelena Kern

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