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Zeitgeist

Nadja Küchenmeister

Zeitgeist

Das Wort des Tages in der New York Times vom 13. April 2021 lautet: »zeitgeist.« In 76 Artikeln wurde es im vergangenen Jahr auf NYTimes.com verwendet.

»Daily Word Challenge: Can you correctly use the word zeitgeist in a sentence? Based on the definition and example provided, write a sentence using today’s Word of the Day and share it as a comment on this article. It is most important that your sentence makes sense and demonstrates that you understand the word’s definition, but we also encourage you to be creative and have fun.«

Wenige Tage zuvor, am 7. April 2021, lesen wir in der F.A.Z: »Fridolin Freudenfett wurde geschlachtet.« Der Autor des Artikels, Achim Hölter, schreibt, der Egmont Verlag habe stillschweigend die Disney-Comic-Übersetzungen von Erika Fuchs geändert. »Äußerungen oder Namen, die „als negativ verstanden werden könnten“, sollten vermieden werden. Jörg Risken teilt namens des Verlags weiterhin mit: „Zusätzlich redigieren wir die alten Texte immer sorgfältig(er), da sich Aufmerksamkeit, Bewusstsein und Zeitgeist immer weiter entwickeln, so dass heute zum Beispiel bei Western-Geschichten (…) eine große Anzahl an Änderungen aufgrund der verwendeten Begrifflichkeiten vorgenommen werden muss.“«

Unter der Überschrift: »Hermes Baby, hau in die Tasten« berichtet Anna-Lena Niemann am 9. August 2021 in der F.A.Z, LEGO habe einen Bausatz für eine mechanische Schreibmaschine herausgebracht. Anna-Lena Nieman schreibt: »Wäre da nicht dieses Zeitgeist-Ding. Überall triumphiert das Alte. Und das Alte, so wird suggeriert, sei doch eigentlich das Echte. Echte Musikliebhaber hören wieder Vinyl-Platte, echte Kaffeeliebhaber brühen von Hand auf, und echte Autoren schleusen Gedanken erst mal durch ihre Hände, ob nun mit dem Stift oder gegen den widerständigen Anschlag einer mechanischen Taste.«

Ein Wort, das Matthias Kniep, dem neuen Herausgeber des Jahrbuchs der Lyrik, und mir häufig in den Einsendungen für die Anthologie, die im kommenden Jahr erscheinen wird, begegnet: »Flügelschlag«. Großer Beliebtheit erfreut sich auch das Wort: »Wimpernschlag«. Ab und an schlagen Flügel und Wimpern in einem Gedicht. »Es gibt aber auch viele Gedichte, die sich mit der Raumfahrt beschäftigen«, sagt Matthias Kniep. Die Wörter »Corona« und »Pandemie« finden seltener Erwähnung als die Wörter »Virus« und »Maske«. Maske wird nicht länger im übertragenen Sinne gebraucht. Niemandem wird in den eingereichten Gedichten häufiger gedacht als der Dichterin Friederike Mayröcker.

Friederike Mayröcker schrieb ihre Bücher auf einer Hermes Baby.

In der TAZ vom 5. Oktober 2021 schreibt Emeli Glaser: »Als Kristen Roupenian 2017 ihre Kurzgeschichte »Cat Person« im New Yorker veröffentlicht, trifft sie den Zeitgeist.«

2017: Das ist jetzt auch schon wieder vier Jahre her.

Nachdem am 7. Oktober 2021 bekanntgegeben wurde, der Literaturnobelpreis gehe an Abdulrazak Gurnah schreibt die SZ: »Nach Jahren, in denen sich das Komitee dem Zeitgeist dezidiert widersetzt hat, in dem es etwa den politisch nicht zu bändigenden Peter Handke und die in sich gekehrte Poesie Louise Glücks auszeichnete, trifft diese Entscheidung den Zeitgeist.«

Am 8. Oktober 2021, einem Freitag, schreibt Max Scharnigg im SZ-Magazin: »Es gibt auch beim Sprechen über Essen und Lebensmittel so eine Art Zeitmessung. Manche Begriffe gelten jedenfalls nicht mehr als aktuell, obwohl sie durchaus richtig wären. Pfefferoni zum Beispiel. (…) Gegenteilig verhält es sich bei der Maracuja. Wer etwas auf sich hält, meidet diesen abgeblätterten, exotischen Begriff und sagt lieber wieder altdeutsch und andächtig: die Passionsfrucht. Da verhält sich der Zeitgeist also genau wie bei »Joggen« und »Laufen« – das Unmodische klingt auf einmal wieder moderner.«

Im Jahr 2021 bin ich 40 geworden. Kein besseres Alter, um Spagat zu lernen. Mein linker Fuß streckt sich hin zu jener zwanzigjährigen Frau, die ich einst war. Mein rechter Fuß schiebt sich in eine unbekannte Zukunft, die dort, zwanzig Jahre später auf mich wartet. Oder auch nicht. Von jenen Menschen, die mein Leben begleiten, leben im Jahr 2021 noch die meisten.

Alles verschiebt sich.

In seinem Langgedicht »Graugänse über Toronto« schreibt der Dichter Jürgen Becker: »Unsägliches hat noch immer ein Drehbuch gefunden – und nur weil Zeit vergangen, hat sich das Aktuelle erledigt, vorläufig, bis jemand merkt, daß ein paar Akten verschwunden sind, aber so weit sind wir noch nicht …«

 


 

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Dieser ›Stoff‹ ist Teil von »Stoffe: Zeitgeist« zum 60. Geburtstag der Zeitschrift »Sprache im technischen Zeitalter«.

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