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Wut: aufkochen

Marina Skalova

30_Skalova_Wut aufkochen © privat

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Die innere Distanz

Um diesen Text zu schreiben, muss ich mich in die Ferne begeben. Ich muss die Wohnung verlassen, in der wir seit Tagen in Schweiss und Hustenschleim baden, mich von der Stimme meines Sohnes lösen, ihren Klang verdrängen. Ich tauche in die andere Sprache ein. Nicht die naheliegendeste, daher kostbar. Andernorts. Ein entlegenes Gebiet. Wie ein Spaziergang in der Kälte, bei dem man seit Langem wieder Luft schöpft. Mir wird oft die Frage nach den Sprachen gestellt, in denen ich schreibe. Der Schritt in die andere Sprache hinein fühlt sich manchmal wie ein Sprung ins Unbekannte an, in ein Wasser, in dem man nicht schwimmen kann, sondern eher wie ein Hündchen mit Armen und Beinen um sich schlägt. Aber genau aus dieser Umherfuchtelei, dieser scheinbar verzweifelten Gestikulation entsteht das, was ich Schreiben nenne. Die Wahl der Sprache ist dabei zweitrangig. Manchmal scheint es mir leichter zu fallen, in der Sprache zu schreiben, zu der die Distanz schon gegeben ist. Dann muss sie nicht erst von innen erschlossen werden. Denn es gibt keine Wahl: Aus dem Wasser, in dem ich ruhig und regelmässig meine Bahnen schwimme, muss ich raus. Andernorts. In eine neue Sprache, die auch eine neue Form sein kann: Lyrik, Theater, Performance, Hörspiel, egal. Oft befindet sich die andere Sprache innerhalb der vertrauten Sprache, bloss muss sie da erst ausgegraben, ausgehöhlt, aus den Löchern herausgekratzt, an den Grenzen hervorgeschabt werden. Wichtig ist das Gefühl, jedes Mal wieder nackt und hilflos dazustehen. Wie damals, als ich sechs Jahre alt war und Angst davor hatte, mit dem Kopf unter die Spurteiler im Schwimmbad zu tauchen. Nicht die ausgefeilte Technik der routinierten Schwimmerinnen, keine antrainierten Reflexe, kaum Halt. Sich jedes Mal wieder an den Rand der Unmöglichkeit begeben. Das Schreiben ist unbequem und zerbrechlich. Es hastet nach Luft und kommt leicht aus dem Atem. Und doch geht es nicht anders. Nur durch die Reibung mit dem Unmöglichen wird es überhaupt erst möglich.

 

Wut: aufkochen

Ich glaube, wenn da nicht diese grundlegende Wut wäre, hätte ich nie einen einzigen Text geschrieben. Meine Wut ist ein Zellennetz, meine Wut ist ein Organisationsprinzip. Die Wut löst aus, löst Energien, löst das Bedürfnis aus, Realität in Sprache aufzulösen. Wie einen Stoff, der aufgekocht wird, ehe man ihn inhaliert, schnupft, injeziert. Das Aufkochen: ein Verwandlungsprozess.

Der Stoff des Schreibens muss stetig im Wandel begriffen sein: von flüssig zu fest oder gasförmig, von geschichtlich zu gegenwärtig, persönlich zu gesellschaftlich, anatomisch zu sinnlich, von wissenschaftlich zu witzig and so on. Er muss eine gewisse Knetbarkeit aufweisen, ein fluides Wesen, das sich zu transversalen Manövern eignet. Der Stoff wird durch die Worte gezogen, geformt, modelliert, misshandelt.

Die Sprache als Fleischbrett. Hier wird der Stoff zerhackt. Doch im Gegenteil zu einer Substanz, einem Stoff, der zerkleinert wird, um in den Körper eingeführt zu werden, werden beim Schreiben Kräfte freigesetzt. Das Schreiben metabolisiert. Das Schreiben verstoffwechselt. Der Stoff muss solide genug sein, um verdunsten zu können und dennoch erhalten zu bleiben.

Muss der Stoff nach draussen, gesprochen, im Mund zerkaut werden, dann ist es Theater. Auf der Bühne geschieht der Stoffwechsel immer wieder aufs Neue, Hunderte Male wieder. Der Text wird zum Stoff: Er wird angekocht, verbrüht, verschmort, gerne verbrannt, leidlich verdaut. Schreibt man für Theater oder Hörspiel, schreibt man für diese Weiterverarbeitung. Der Text ruft geradezu danach: Lasst mich unter euren Zungen zergehen, in euren Gaumen Mundfäule verursachen, zerfleischt mich mit euren Zähnen, lasst mich durch die Speiseröhren rutschen, in die Mägen und Därme hinein! Ich bin Körper und zum Körper kehre ich zurück!

Was macht das mit der Wut? Sie wird destilliert, ihr Wesen wird extrahiert. Der Text wird durch Kondensation gewonnen. Anstatt Alkohol brenne ich in meinem Keller Literatur. Die Substanz der Wut wandelt sich zu Texten, die anschliessend durch Münder, Ohren und sinnliche Rezeptoren in die Körper gejagt werden. Dort können sie gegebenenfalls das Bewusstsein beeinflussen. Oder sie werden abgeführt und vergessen. Wie andere Substanzen auch.

 


 

Woraus besteht die Gegenwartsliteratur? Unsere Reihe im Rahmen von »Neustart Kultur« fragt: Woraus ist die deutschsprachige Gegenwartsliteratur gemacht, aus welchen Materialien, Gegenständen und Ideen besteht sie, aus welchen Stoffen gewinnen Texte heute ihre Kraft? Mehr Infos zur Veranstaltungsreihe hier.

Dieser ›Stoff‹ ist Teil von Theaterstoffe und Hörspielstoffe, Lesung und Gespräch mit Simone Kucher, Maria Milisavljevic und Marina Skalova am 27. Januar 2022, moderiert von Maxi Obexer.

Materialsammlung »Stoffe«

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