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Verloren

Meral Kureyshi

Verloren

ich gehe jetzt

schau mir nach

halte mich fest

weine um mich

du zitterst

du erzählst mir von uns

verzweifle

ich werde manchmal an dich denken

vergiss mich nicht

ich streiche deine tränen weg

meine hand wird salzig

vielleicht wollte ich diese trauer sehen

in deinem gesicht

wo gehst du hin

weg von dir

du trägst dein haus auf deinem rechten handrücken

geh nicht

ich halte die luft an

ich habe dich gesehen

ich kenne dich nicht

du hast mich berührt

unter der dusche sieht man die tränen nicht

wie schön du bist

das ist nicht genug

komm zurück

sag es noch einmal

ich liebe dich

süchtig alles zu verlieren

trost ist demütigend

du bist gekommen um zu gehen

ich bin gekommen um zu gehen

ich wollte dir das muttermal zeigen

immer wieder schön

wer nimmt mir den gedanken an dich

hab etwas geduld

ich höre die musik die du mir schickst

du stehst am fenster und schaust mir nach

du sitzt auf der bank und schaust mir nach

ich gehe jedes mal wieder

wann denkst du an mich

wenn du gehst

liebst du mich

ist liebe nicht ertrinken

sag dass du mich liebst

sag es noch einmal

wir haben das meer gesucht

ich bleibe wie du mich verlassen hast

es regnet

warte nicht auf mich

du bist nie da wo ich bin

manchmal schon

nackt auf dem parkett liegend

rauchend mit offenen fenstern in deiner Wohnung

dem regen lauschend

dem atmen lauschend

das rauschen des plattenspielers

green grass

ich möchte da sein wo du schläfst

den mond kann ich sehen

ich auch

höre nicht auf zu sprechen

betrunken in der nacht eingebrochen

die giraffe gestreichelt im zoo

ihre zunge ist rau

es ist als würde jemand die wolken zerfetzen

der schnee macht die kanten rund

du kommst nicht

uns gibt es nicht

als würde es uns nicht geben

ich schaue dir beim weinen zu

dein mund

wie geht vermissen

komm wir suchen uns in den liedern

ich schweige

der regen hat aufgehört

städte erinnern sich an unsere schritte

die wände sich an unsere rücken

der regen erinnert sich an unsere haut

ich erinnere mich nicht mehr

ich weiss nicht wie zeit vergeht

übrig bleibt die einsamkeit

die nacht versteckt ihre farben

und manches bleibt getrennt

 


 

Woraus besteht die Gegenwartsliteratur? Unsere Reihe im Rahmen von »Neustart Kultur« fragt: Woraus ist die deutschsprachige Gegenwartsliteratur gemacht, aus welchen Materialien, Gegenständen und Ideen besteht sie, aus welchen Stoffen gewinnen Texte heute ihre Kraft? Mehr Infos zur Veranstaltungsreihe hier.

Dieser ›Stoff‹ ist Teil von »Stoffe: Dürrenmatt«.

Materialsammlung »Stoffe«

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