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Trans Girl Shadow Shade

Alex-Alvina Chamberland

Trans Girl Shadow Shade

© Mathea Hoffmann

Wallendes Blut, du bist die erneuerbare Energie, die mich begleitet durch dick und dünn. Hier & jetzt suche ich nach einer schönen Parklichtung, um mich auf den Rasen zu setzen und zu lesen, sehe aber nichts als Bäume und noch mehr Bäume. Ich stoße auf die Louis-Vuitton-Stiftung. Sie ist eingehegt von Zäunen und Eintrittspreisen. Ich schnorre mir von der Securityperson eine Kippe und suche weiter. Ich zeichne mir wieder eine streunende Katze auf den Arm, um die Glut zu löschen. Ich sage „miau“ statt „au“, denn Schmerz ist Alltag und ein Miezekätzchen eine dringend benötigte Abwechslung. Ich gebe ihr einen Namen: Aurora. Etwas später trägt meine Suche nach ungebrochenem Licht Früchte. Eine Lichtung in 50 Metern. Ich setze mich. Ich lese zwei Seiten in Leducs Buch über zwei Frauen, Thérèse & Isabelle. Als ich aufsehe, gaffen mich drei Männer an. Zwar bin ich oft allein, aber nie lässt man mich in Ruhe. Und Paris tut wohl sein Übriges. Ist das hier eine Cruising-Area oder das Rotlichtviertel? Die Gesetze der Anziehung führen mich zu Heterofreiern, die auf Transen stehen. Dabei bin ich weder eine High Femme Faggot, noch eine trans Sexarbeiterin, auch wenn ich beides schon mal war. Und es ist auch ganz egal, wo ich mich befinde; Männer halten mich eh für einen wandelnden Cruising-Platz aus Fleisch und Blut. Warum in einen bestimmten Park gehen oder in die Klappe, wenn ich überall zu finden bin und durch die Gegend flaniere mit meinen zwei, vielleicht bald drei Löchern.

(Bücher & Huren … Immer wenn ich einen edlen Buchladen betrete, glotzen sie mich an, wie um zu sagen: Was sucht die Straßennutte hier? Und dieser aufdringliche Mann in der Berliner Bar damals fand es unglaublich, dass ich Autorin bin und meine trans Freundin an der Uni studiert. Er ging trotzdem noch davon aus, dass wir mit ihm einen Dreier haben …)

Ich sitze auf dem Rasen und versuche, von der stürmischen Liebesaffäre zweier Frauen zu lesen, als drei Männer meinen Körper mit einem derben Grinsen bedenken, weil ich für sie anscheinend aussehe wie eine Göttin und mich verhalte wie ein Cyborg. Für sie ist Sex ein Pfadfindertreffen: Allzeit bereit. Sie wollen es jetzt und jetzt gleich, nicht erst morgen. Ich befinde mich auf dem Terrain der Männer, die schnell ihre Körper entblößen und selten ihre Seelen. Jahrelang wurde ich nicht mehr gefragt: Was ist dein Lieblingslied, aber ich kriege im Schnitt sechs Sexanfragen die Stunde. Wessen Befreiung besagt: „Jedes Mal, wenn wir ficken, gewinnen wir“? In der Kultur von OkCupid antworten digitalisierte Ichs öffentlich auf 100 persönliche Fragen, und Nein, nie posten 99 Prozent der heterosexuellen Männer, wenn es heißt: Hast du je auf Sex verzichtet, weil du dich zu unattraktiv gefühlt hast? Ich frage mich, wie sie das schaffen und ob das überhaupt stimmt. Schwitzen sie denn nicht nach einem zweistündigen Workout, lassen sie denn nicht mal drei Tage ohne Dusche verstreichen, essen sie denn nicht mal bergeweise Knoblauch?

Die drei Gaffer umzingeln mich und bedienen sich dabei ihrer Beine. Ich kann zwar nicht fliehen, aber ich bediene mich meiner Stelzen, richte mich auf, stelle mich hin und schreite davon. Die Gaffer beschließen, mich diesmal nicht im Rudel zu jagen … Vielleicht gebe ich morgen nach und sage Okay, meinetwegen, los gehtʼs und „sei promisk“, um mir und der Welt zu beweisen, dass auch ich zum Spaß Sex haben kann, dass das 31. Mal mit einem ungeouteten Mann traumhaft wird und mir den Traumprinzen verschafft! Solange schreit nur Speiseeis meinen Namen. Lieblingssorte: Mangosorbet. Preis: 3,60 Euro die Kugel. Eine Schande, ein Skandal, wie teuer diese Stadt ist! Da jede Liebe im Hass anfängt, schmeckt das Eis dann sehr gut; da sind richtige kleine Mangostücke drin. Es soll nie zu Ende gehen, und unsere menschliche Vorstellungskraft kann immer noch nicht ganz Räume begreifen oder den Anfang der Zeit, das Ende oder die Ewigkeit. Zumindest noch nicht. Ich sagʼs dir, Leser*in, ich würde so gern bei dieser Erweiterung des menschlichen Bewusstseins mitmachen, aber ich weiß noch nicht, wie.

 Aus dem Englischen von André Hansen

 


 

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Dieser ›Stoff‹ ist Teil von »komm in den totgesagten park und schau: Cruising als kulturelle Praxis«.

Materialsammlung »Stoffe«

Trans Girl Shadow Shade

© Mathea Hoffmann

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