LCB

Der Stoff am Straßenrand

Maxi Obexer

Der Stoff am Straßenrand

© privat

Droge, Textil und Textur

Wo finden Sie Ihre Stoffe, auf welchen Märkten treiben Sie sich herum?

Auf der Suche nach dem »Stoff«.

Der textile Stoff ist Verdichtung, ist Verflechtung, ist ein Gewebe – der Stoff geht in die Fläche ebenso wie in die Tiefe.

Stoff ist Intensität. Durchdringung. Konkretheit.

Eine Komposition aus Gedachtem und Konkretem – und auf besondere Weise real.

Der Stoff, ein weißer Streif am Horizont der Kante.

Stoff. Der Klang ist ebenso schön – wie klar und bei sich.
Der Stoff benötigt nur eine Silbe: Stoff.

Wenn ich Ihnen jetzt also meine Stoffe auslegen darf:

1. Da gibt es den Stoff, mit dem ich beauftragt werde.
2. Es gibt den Stoff, mit dem ich mich selbst beauftrage.
3. Es gibt den Stoff, der mich beauftragt.

Es ist

4. dieser Grundstoff, der mehr oder weniger ungefragt in dir arbeitet und
5. ein Stoff ist, der ewig um dich kreist – um den du ewig kreist
6. Es gibt den Stoff, der klüger ist als du – und immer klüger bleiben wird
7. Und es gibt den Stoff, der dich klüger werden lässt
8. Es gibt den Stoff, der sich mit einem Satz zu erkennen gibt und er dich fortan begleitet, oder dir auch immer wieder in den Weg springt
9. Und es gibt den Stoff, den deine ganzen Stoffe schließlich von dir schreiben, weben.

Eine Haut, die deine wird, aus den Stoffen, mit denen du dich umgarnt hast.

Ich bin jetzt auf insgesamt neun Stoffe gekommen. Zu jedem einzelnen gibt es die Gestalt dazu, die ihn trägt, und ihre Geschichte. Die erste hört ihr am 20. April: »Der Stoff am Straßenrand«.

 

Der Stoff am Straßenrand

Sie zog den engen Blumenkittel über die Knie, bestieg das Fahrrad und radelte in den See. Sie radelte durch die Berge, die sich auf dem See spiegelten. Hinterließ eine kleine Fahrrinne, brachte die Berge zum Erzittern. Die schwappten in kleinen Kreisen bis zum Ufer des Sees, wo sie die Steine benetzten. Bis alles wieder ruhig war. Ich habe sie gesehen. Wie sie keinen Blick zurückgeworfen hat.

Ihren blaublumigen schmalen Rücken einer alten Frau, ihre schlohweiß zu Berge stehenden Haare, die vom eiskalten Wasser aufgenommen wurden, um in den nächsten Jahrmillionen Dolomitgestein zu werden.

Ich habe Filomena immer nur im Sommer gesehen. Mit meinem Hund und der Zecke in seinem Fell kam ich bei ihr an. Traf sie unter der Weinlaube, im leichten Blumenkittel, Kamillenblüten von Stauden zupfend. Andere Hunde um sich, Verwandte meines Hundes; die gähnten misstrauisch, als sich Filomenas Hände in sein Fell gruben. Sonnenöl wurde geholt, Tiroler Nussöl auf die Zecke getröpfelt und herausgeschraubt.

Weinlaube und Scheune vergingen, ein kleines Einfamilienhaus mit Garage und Quadratplatten im Rasen kamen stattdessen, vom Schwiegersohn mit Schulden errichtet und mit der Erbschaft von Filomena bezahlt. Der wurde ein Platz im Altersheim gewiesen, als sie nicht mehr verträglich war für Schwiegersohn und Firma. Eine rebellische und sture alte Frau, für die auch das Altersheim nicht verantwortlich sein wollte, für eine, der die Suppe sowieso auch nie schmeckte.

Da begann sie zu gehen, die Hinterbliebenenrente Mittag für Mittag in die Hände derer drückend, die ihr ein Essen gaben und sie eine Nacht lang bei sich schlafen ließen. Morgens war sie auf ihren Wegen bis Mittag, wenn die Häuser sich wieder öffneten und die Nachrichten aus den Küchen drangen. Immer vermied sie den Eindruck, gewartet zu haben.

Unauffällig wie nebenbei drückte sie die Türklinke, fragte ins Haus und war wie glücklich überrascht, wen sie alles zu Gesicht bekam. Kein Dreck mehr an den Kinderfingern, früher vom Schweiß verklebte Haare jetzt durch Haargel ersetzt. Aus Vorsicht vor den Jahren und den veränderten Anblicken begegneten wir uns als bekannte Fremde. Kein Wort darüber, dass sie zu meinen ersten Düften und Gerüchen zählte. Dass der Anblick ihrer beherzten Hände, die sich in das Fell des Hundes gruben, tief in die Lichtkegel meiner Augen glitten und für immer blieben.

Sie aß mit großem Appetit, die Hände schmal, mit eleganten Altersflecken überzogen, eine blaue Zwetschge nach der anderen auseinandernehmend, entkernend und ab in den kauenden Mund; ihre Augen dankbar glücklich.

Die Zwetschgenkerne häuften sich in ihrem Teller, sie begann zu sprechen und schien mit jedem Satz leichter zu werden. Mit jeder entkernten Zwetschge schien sich das auf ihr lastende Unrecht ins Vergangene zu schieben, es wurde so leicht, dass sie in der Sommerzeit ankam und noch schnell aufbrechen musste, um Stoff für einen neuen Blumenkittel zu besorgen. Und um wiederzukommen.

Wir machten uns fertig für den Berg, weil immer, gleich nach der Reise aus der Stadt, dem meist geliebten Menschen zuerst der See gezeigt wird.

„Eines Tages radel ich ihm nach“, sagte sie und erzählte die Geschichte vom Radlsee, von den verschluckten Geliebten. Jeder, der auf den See blickt, sieht einen oder erzählt von ihm, bis ein weiteres Auge auf den See blickt und an einen Geliebten denkt, der verging, wie nur der erste meist geliebte Mensch vergeht, nie, wirklich.

„Der See hat viele verschluckt“, sagte sie, „und er schimmert in so vielen Farben, wie er Geliebte verschluckt hat.“

Sie winkte uns nach. Sie wollte wiederkommen, als sie auf das frisch gemachte Bett ihre Strickjacke legte für den Abend. Sie hatte uns nicht gesagt, dass sie schnell noch ihr früheres Haus aufsuchen und heimlich die Blumenbeete gießen wollte. Dass sie dafür die neue Schnellstraße überqueren musste. Das war gegen vier. Diese Uhrzeit gab die Zeitung an, die nur schrieb, dass sie von einem Motorradfahrer erfasst wurde und ihren Verletzungen sofort erlag.

Das Bündel Stoff für das Blumenkleid wirbelte durch die Luft und landete am Straßenrand.

Diese Geschichte geriet vor kurzem in die Hände einer Leserin. Sie schrieb mir. Wir trafen uns am Friedhof. Sie öffnete die Wagentür und überreichte mir ein Bündel Stoff. Er war in weißes Seidenpapier gewickelt, und in einer zweiten weißen Tüte verpackt. Sie legte das Bündel auf die Heckklappe und zog dann den Stoff behutsam aus der Verpackung. Dann legte sie ihn aus. Es war ein blauer für eine Bluse und ein blumiger für ein Sommerkleid. Den Kassenbeleg legte sie obendrauf, in verblassender Tintenschrift bescheinigte er den Tag vor achtzehn Jahren, als sie den Stoff erwarb und mit dem Stoff ihr Sterbedatum.

 


 

Woraus besteht die Gegenwartsliteratur? Unsere Reihe im Rahmen von »Neustart Kultur« fragt: Woraus ist die deutschsprachige Gegenwartsliteratur gemacht, aus welchen Materialien, Gegenständen und Ideen besteht sie, aus welchen Stoffen gewinnen Texte heute ihre Kraft? Mehr Infos zur Veranstaltungsreihe hier.

Dieser »Stoff« ist Teil von Stoffe: Theaterstoffe #1.

Materialsammlung »Stoffe«

Der Stoff am Straßenrand

© privat

360