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Steine

Heinz Helle

Steine

Neulich beobachtete ich meine Töchter in einem Park. Die Kleinere lief in Richtung des Ausgangs, die Größere stellte sich ihr in den Weg und versuchte, sie zum Umkehren zu bewegen, ganz sanft, mit Gesten eher als mit Berührungen. Als die Kleine merkte, dass sie keine Chance hatte, an der Großen vorbei zu kommen, schrie sie voller Wut auf, kehrte um und rannte von ihrer Schwester weg, in meine Richtung, dabei schüttelte sie den Kopf und ruderte mit den Armen und trat so fest auf, dass sie mit jedem Schritt einen kleinen Sprung machte, bis sie seltsam seitlich zu torkeln begann und schließlich der Länge nach umfiel. Als sie später schluchzend auf meinem Schoß saß und ich ihren Rücken streichelte, fragte ich mich, woher ihre Wut kam. Eine Wut, stärker als ihr Gleichgewichtssinn, größer als ihre Angst vor einem Sturz in den Kies. Ich fragte mich, ob diese Wut vielleicht etwas mit mir zu tun hatte, mit der Wut, die ich manchmal spüre, wenn ich mir den Finger einklemme zwischen Staubsauger und Putzschrank, oder wenn auf der letzten Stufe im Treppenhaus die Papiertragetasche mit dem Altglas reißt, oder wenn ich am Wickeltisch den zweiten Tritt in die Hoden bekomme, den dritten, den Vierten. Ich fragte mich, was meine Wut mit der Gewalt zu tun hat, die meine Eltern erleben mussten, von betrunkenen Stiefvätern und alliierten Bombern, und mit der Gewalt, die ihre Eltern entfesselten oder erlitten, oder deren Eltern, oder deren Eltern, oder deren Eltern. Ich fragte mich, wie das geht, dass das, was man am wenigsten will, weil es weh tut, anderen und einem selbst, dennoch in einem lebt und weitergegeben wird, und woher es überhaupt kommt, und wer eigentlich mit all dem angefangen hat, und ob es möglich ist, den Kreislauf zu durchbrechen des ewigen Gebens und Nehmens von immer schwächeren, rätselhafteren Resten des Willen zur Vernichtung. Ich fragte mich, was der Wille zur Vernichtung mit der menschlichen Neigung zu tun hat, das Ich und seine Erfahrungen als überlegene, von der physischen Welt abgegrenzte Einheit zu betrachten, und nicht als eines von vielen zufälligen, mehr oder weniger komplexen Konglomeraten von Perspektivität. Ich fragte mich, wie sich lange vergangene Gefühle, vergessene Gedanken, verdrängte Erlebnisse ablagern können in molekularen Strukturen, und was genau eigentlich der Unterschied ist zwischen einem Handabdruck im Kies und einem Kiesabdruck in der Haut. Dann zeigte meine kleinere Tochter auf einen Baum und sagte: Baum. Ich stellte sie auf den Boden, sie hielt mir ihre Faust hin und nickte aufmunternd, ich merkte, dass sie mir etwas geben wollte, ich hielt meine Hand unter ihre, sie öffnete die Faust, ein Stein fiel in meine Handfläche und sie sagte: Stein. Dann lief sie zum Sandkasten neben dem Wipptier, auf dem ihre große Schwester mittlerweile saß, schnell vor- und zurückwippend, vor und zurück, und immer, wenn sie nach hinten wippte, verschwand ihr verträumtes Gesicht in ihrem hellem Haar. Ich steckte den Stein in meine Hosentasche.

 


 

Woraus besteht die Gegenwartsliteratur? Unsere Reihe im Rahmen von »Neustart Kultur« fragt: Woraus ist die deutschsprachige Gegenwartsliteratur gemacht, aus welchen Materialien, Gegenständen und Ideen besteht sie, aus welchen Stoffen gewinnen Texte heute ihre Kraft? Mehr Infos zur Veranstaltungsreihe hier.

Dieser ›Stoff‹ ist Teil von »Stoffe: Dürrenmatt«.

Materialsammlung »Stoffe«

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