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S p i n n i n g

Teresa Präauer

S p i n n i n g

Die Gegenwart sitzt am Rad und spinnt an einem roten Faden des Gegenwärtigen. Ich sehe ihr dabei zu und versuche, ein paar Meter des Garns zu erhaschen und mitzuspinnen: Man dreht dazu den Faden zwischen den Fingern, man zwirbelt ihn. Man muss schnell sein, sonst überholt einen die Gegenwart und wird zur Zukunft, die immer vor unseren Augen liegt. Der gesponnene Faden spannt, ich möchte sein Ende nicht verlieren. Ich muss an Tempo zulegen und darf mich nicht umdrehen nach der Vergangenheit. Dabei habe ich das, was hinter mir liegt, noch nicht sortiert und geordnet.

Ich möchte von einem Erlebnis berichten, das erst wenige Tage zurückliegt: Ich sitze selbst an einem dieser Räder – und strample mit den Beinen. Neben mir stehen und sitzen zwanzig junge Frauen im Alter von zwanzig Jahren. Sie tragen Sneakers, Sport-Tops und transparente Leggings. Ihre langen roten Haare haben sie zu einem Dutt gedreht, diesem Haarknoten, der jetzt Mode ist.
Sie strampeln mit mir im selben Raum. Er ist abgedunkelt, eine Diskokugel hängt von der Decke. Neonlicht blitzt auf und wechselt die Farben, manchmal ist alles grell erleuchtet, dann wieder verschwindet jede Kontur.

Der Raum liegt im Keller und hat keine Fenster. Ein schneller Beat gibt uns den Takt vor. Vor uns, auf jenem Platz, der der Gegenwart gebührt, sitzt ein Trainer und dreht am Spinnrad. Sein Name ist Nathaniel, das bedeutet: Gott hat gegeben.
Gott hat ihm Durchsetzungswillen gegeben, eine laute Stimme, ein Mikrofon und einen trainierten Body. Nathaniel sitzt vorne auf seinem Rad und treibt uns an. Er trägt ein schwarzes Muskelshirt und sehr knappe Shorts, die seine Proportionen betonen. Nathaniel ist voller Elan, er führt die Gruppe an.

Der Sport, den wir betreiben, heißt: Spinning oder Indoorcycling. Die Gruppe tritt in die Pedale – und kommt doch nicht vom Fleck. Wir bilden einen gemeinsamen Radausflug ohne Ziel. Oder: Das Ziel ist es, 57 Minuten durchzuhalten. Fifty-seven minutes, peitscht Nathaniel die Vorgabe ins Mikrofon. Seine coole Brille läuft an von allgemeinem Dunst und persönlichem Schweiß.

Das ist, was ich als Gegenwart empfinde: Wir strampeln und kommen kaum vom Fleck. Wir verschwenden uns, unsere Kraft, aber wir bauen dabei auch Muskeln auf. Kondition vielleicht. Die Tränen laufen mir über die Wangen. Ich steige in die Pedale und schwitze. Ich zweifle an meiner Rolle beim Super-Cycle des Lebens.

Wer in dieser Situation, während sich die Räder drehen, an seiner sogenannten Rolle zweifelt, hat zu wenig Kraft für Super-Cyceling. Ich trainiere täglich die Form beim Schreiben, Stil und Form, aber ich bin nicht in Form an diesem Abend beim Gruppentraining.

Die jungen Frauen geben gerade alles. Sie schwitzen, und sie blicken nicht nach links und nach rechts. Sie fragen Nathaniel nicht, ob auch er Zweifel an seiner Aufgabe hat. Es gibt diesen stillen Moment gar nicht beim Spinning, um spinnerte Fragen zu stellen.
Wer pausiert, kommt aus dem Rhythmus, sitzt im Dunkeln. Es gibt kein Mikro für Zweifel und für Fragen. Es gibt ein Mikro für Nathaniel, um Anweisungen zu geben: Wir sollen beim Treten aufstehen und uns nach vorne lehnen, wir sollen dabei die Hände auf den Lenker legen oder sie wieder vom Lenker nehmen.

Nathaniel spielt jetzt Madonna und Rihanna. Das soll uns pushen. Uns motivieren, noch mehr zu geben. Nathaniel schreit die Titel der einzelnen Songs ins Mikrofon.
Echt jetzt?, frage ich still in Gedanken.
Madonna und Rihanna?
Soll das die Gegenwart sein?!

Als das Training beendet ist, frage ich mich, ob ich wiederkommen werde. Ob ich nicht diese Gegenwart sich selbst überlassen soll. Eine Stunde lang streife ich zu Fuß durch die Nacht, mache Umwege.
Ich bin noch nass vom Schwitzen im Keller bei Super-Cycle. Ich krame also nach dem roten Handtuch in meiner Sporttasche. Als ich es herausziehe, bleibt ein Faden des Frotteestoffs am Schlüsselbund hängen. Ein langer roter Faden. Ich ziehe daran, und er wird länger, und er lässt sich nicht und lässt sich nicht abreißen.

 


 

Woraus besteht die Gegenwartsliteratur? Unsere Reihe im Rahmen von »Neustart Kultur« fragt: Woraus ist die deutschsprachige Gegenwartsliteratur gemacht, aus welchen Materialien, Gegenständen und Ideen besteht sie, aus welchen Stoffen gewinnen Texte heute ihre Kraft? Mehr Infos zur Veranstaltungsreihe hier.

Dieser ›Stoff‹ ist Teil von »Stoffe: Zeitgeist« zum 60. Geburtstag der Zeitschrift »Sprache im technischen Zeitalter«.

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