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Pyrit

Zora del Buono

Pyrit

Im Vorbeigehen erspäht, nicht mehr vergessen. Ein MUSEUMSSTÜCK, hatte der Mineralienhändler gesagt, so etwas finden Sie nie wieder. Recherchiert. Tatsächlich. So etwas findet man nie wieder. Ein Pyrit enormen Ausmaßes, Hunderte ineinander verschachtelte Quader. Abgebaut in Peru Anfang der 1960er Jahre. So lange im Licht der Welt draußen wie ich also. Lust auf diese unfassbare Schönheit, diese Kostbarkeit, diesen Luxus. Dann das schlechte Gewissen. Überfluss. Schlimme Arbeitsbedingungen in den Minen. Ausbeutung. Wozu? Das Gefühl von Schuld. Es passt gut zu mir, zu uns, zu meiner Familie. Da gab es diese verschwiegene Schuld, habe erst vor Kurzem davon erfahren. Natürlich gleich darüber geschrieben, im Familienroman. Gemerkt, dass sie in all meinen Romanen Thema war: die familiäre Schuld. Und dass die Großeltern, diese mondänen Menschen in Süditalien, die Kommunisten waren und doch großbürgerlich verschwenderisch, der Kern meines Wesens sind. Ihr Vergehen, durch Zufall entdeckt. Die Schönheit alter Geschichten auch, dieser Wille, in den Tiefen danach zu graben und belohnt zu werden mit etwas Überraschendem. Der Pyrit steht jetzt in meiner Wohnung. Der Händler hat ihn mit einer Sackkarre gebracht, zu schwer zum Tragen war das Stück Katzengold. Natürlich habe ich mir darüber Gedanken gemacht, wer ihn dereinst erben soll (keine Kinder, keine Nichten mit mineralogischem Interesse): Das Museumsstück wird Museumsstück werden. Es ist älter als der moderne Mensch, vor Jahrtausenden gewachsen ganz ohne uns, ist ein Symbol einer Zeit vor der Schuld. Doch befleckt.

 


 

Woraus besteht die Gegenwartsliteratur? Unsere Reihe im Rahmen von »Neustart Kultur« fragt: Woraus ist die deutschsprachige Gegenwartsliteratur gemacht, aus welchen Materialien, Gegenständen und Ideen besteht sie, aus welchen Stoffen gewinnen Texte heute ihre Kraft? Mehr Infos zur Veranstaltungsreihe hier.

Dieser »Stoff« ist Teil von Stoffe #7.

Materialsammlung »Stoffe«

Pyrit
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