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„oh mama, i just shot a man down“

caner teker

„oh mama, i just shot a man down“

tarlabaşı, istanbul, juli 2018. ich laufe die straße zu fıccın entlang. klasse, geschlecht, herkunft, vereint neben der İstiklal. eine trans-sibling schaut mir in die augen, lacht: ‚kiz naber? çok güzelsin‘- ah, der ort für sex worker, dachte ich. im geiste vereint. ich bin zu schüchtern, angespannt, kriege kein wort aus meinem zugeschnürten kehlkopf. wahrscheinlich denkt sie, ich wäre ein tourist. meine identitätskrise, denke ich. damals eine spirale, heute nur noch ein dummer witz. später laufe ich mit meinem bruder die straße runter zum hamam. ohne touristen, nur einheimische. wir sind so früh da und danach so fertig. jetzt sind es nur noch cismänner, geteilt in geschlechtern. dank dir islam. der perfekte ort zum cruisen. ey, aber nicht mit meinem bruder? die masseure schreien nur noch ‚hacı!‘. im stinkleeren hamam setzt sich ein älterer typ neben uns. ob es sowas wie deutsch-türken gebe? nein, sagt er, türken kennen keine binationalität. er denkt wir sind ein paar, ich sage wir sind geschwister. was? er verschwindet im nebel, ich denke, mein bruder kapiert nicht was passiert ist, und ich, ich weiß nicht ob ich lachen oder weinen soll. 2019, april, amsterdam. SNDO. dein dampfbad ist das des irrtums, der manipulation. wir sind in der schwulsten sauna der stadt, heute als „queer night – open to all genders“. relativ neu, die meisten leute sind verwirrt über queere menschen. ich höre schwule alte weiße männer sich über die türpolitik beschweren. ich dachte, das sei ein ort nur für ‚männer‘? hau doch ab, falls es dir nicht gefällt. im dampfbad werden wirklich schwänze gelutscht. ich sehe kaum was. der ort ist neu, nicht wie in istanbul, alles ist dafür ausgelegt, anyonym zu ficken, kabinen, offene duschen, bidets. architektur der ruinen: oder des schwulen mannes. ein panoptikon? keine ahnung. ich will nur noch zurück ins dampfbad, in den nebel, damit mich niemand mehr sieht. 2018, august, istanbul. ich wohne noch in tarlabaşı. eine trans-sibling wird umgebracht, nach einem sex date. die polizei gibt keinen fick. „soll sie sich doch einen anderen job suchen“. ihr wichser. keine medien, nur instagram. ich hoffe nur, es war nicht meine transsibling. rest in power.

 


 

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Dieser ›Stoff‹ ist Teil von »komm in den totgesagten park und schau: Cruising als kulturelle Praxis«.

Materialsammlung »Stoffe«

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