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„nicht zum Tanzen hier“

Tobias Reußwig

„nicht zum Tanzen hier“

© privat

Die Party wird von einem queerfeministischen Kollektiv organisiert. Ich habe in letzter Sekunde davon erfahren, besuche Berlin nur für zwei Tage, und treffe mich dort mit Freunden. Tim trägt ein altes NVA-Hemd, Sara ein kurzes, schwarzes Kleid, ich ein hautenges Shirt mit „a game of chokes“ auf der Rückseite. Als wir ankommen, setzt eine der Organsiatorinnen gerade einen Mann vor die Tür, der beinahe doppelt so groß ist wie sie. Uns beäugt sie kritisch. Da wir das Passwort kennen, lässt sie uns mit sichtlichem Widerwillen herein. Mein Versuch, den dresscode mit Humor zu beantworten, sagt ihr nicht zu. Ich merke mir: No leather, no latex, no lace, no skin: no service. Man händigt jedem von uns zwei dicht bedruckte A4-Seiten aus. Auf dem einen Zettel stehen die Regeln für den Abend: Wie viel Abstand ist von spielenden Paaren zu halten? Wie funktioniert hier Konsens? Was ist die allgemeine Rettungsphrase? Mit wem solidarisiert sich das awareness team sollte es zu Problemen kommen?

Auf dem anderen ist der hankycode für den Abend aufgelistet, nur, dass es hier Papierarmbänder statt Taschentüchern sind, die die Rollen anzeigen, die man an diesem Abend spielen möchte.

Wir kommen an einem Tisch mit Partyutensilien vorbei: Kondome, Femidome, Untersuchungshandschuhe, Desinfektionsmittel, Kanülen.

„Das musst du unbedingt ausprobieren“, sagt mir Tim, „das ist nochmal eine ganz andere Form von Penetration.“

Ich lehne dankend ab.

„Ich war am Anfang auch skeptisch, aber es war richtig geil, sich praktisch aneinander zu nähen.“

Die Location ist klein. Ein Flur mit wackeligem Tisch und ein paar Stühlen, links Bar und Tanzfläche, rechts der play room. Wir besorgen uns Getränke, mir werden mehr Freunde vorgestellt. Mein Aufzug „geht gar nicht“. Sie haben recht. Auf einem Röhrenfernseher läuft Indieporn. „Der wurde bei mir in der Wohnung gedreht“, erfahre ich.

Wir setzen uns an den kleinen Tisch im Flur, trinken Mate. Ein Pärchen vögelt im Stehen neben uns. Ich bin beeindruckt von den wirklich langen Haaren, die ihm bis zum Hintern reichen, und sich in sanften Wellen bewegen, während er seinen Partner von hinten nimmt.

Meine Freunde gehen wieder tanzen, ich werfe einen Blick ins Spielzimmer. Das Licht ist weich und gedimmt. Linker Hand: Eine Bank und Stangen, um Seil zu befestigen, rechter Hand ein Bock. Die Deko bestehend aus zerlegten Industriemaschinen, um die interessantesten Stücke ihres Innenlebens sichtbar zu machen; ich denke an Modelle brutalistischer Architektur mit mehr polierten Messingtönen. Über den Bock gebeugt ein bärtiger Mann in meinem Alter; seine Freundin, in schwarzer Spitze, steht hinter ihm. Was sie tut, erkenne ich nicht: Sie ist über ihn gebeugt, berührt seinen Rücken, er stöhnt – es könnte Physiotherapie sein, trüge sie einen Kittel. Alles, was zwischen den beiden passiert, ist langsam. Links von mir sitzt ein weiteres Pärchen, fast nackt, sie masturbiert ihn, er schlägt und kommandiert sie. Beide haben offensichtlich viel Spaß. Irgendwann steht er auf, spricht eine Frau an, die neben der Bank steht, nur mit einem voluminösen, blauen Schal bekleidet ist und wartet. Sie lehnt ab, er kehrt zu seiner Freundin zurück. Ich bin zu schüchtern, um es ebenfalls zu versuchen. Irgendwann taucht Dave auf, einer der Freunde, die mir vorhin vorgestellt wurden. Dave fragt, was ich mache, und ist verwundert, dass ich noch nie von François Villon gehört habe. „Und da nennst du dich einen Dichter?“

Dave erzählt mir von Villons Lebensgeschichte, redet sich in Rage, irgendwann bitte ich ihn, etwas leiser zu sprechen, um das Paar am Bock nicht zu stören. Wir gehen zurück zum dance floor. Tim wird aggressiv angetanzt, wenig später sehe ich ihn vom Flur aus auf der Bank im Spielzimmer, er winkt mich und seine Freundin heran, aber wir bleiben sitzen.

„Er will eh nur jammern“, sagt Sara, „wie weh es tut.“

Währenddessen erzählt mir ein anderer Gast, der eigentlich mit seiner neuen Spielpartnerin kommen wollte, dass er sein Geld mit einem kleinen, akademischen Nischenverlag verdient, und dass es weder besonders gut noch wirklich schlecht laufen würde.

Morgens um sieben wird das Licht angemacht. Meine Freunde ziehen zum nächsten Club weiter, ich fahre in Tims Wohnung, lege mich schlafen. Zwischen Frühstück, Oddworld und einem ausgesprochen netten Plausch mit Tims Mitbewohner, dem die Idee von „competitive cuddling“ sehr zusagt, erreicht mein Gehirn nach der durchgemachten Nacht langsam wieder Betriebstemperatur. Ich schreibe mit dem magnetic poetry set (erotic edition) ein Gedicht an Tims Kühlschrank und ich mache mich auf den Weg zurück nach Greifswald.

 


 

Woraus besteht die Gegenwartsliteratur? Unsere Reihe im Rahmen von »Neustart Kultur« fragt: Woraus ist die deutschsprachige Gegenwartsliteratur gemacht, aus welchen Materialien, Gegenständen und Ideen besteht sie, aus welchen Stoffen gewinnen Texte heute ihre Kraft? Mehr Infos zur Veranstaltungsreihe hier.

Dieser ›Stoff‹ ist Teil von »komm in den totgesagten park und schau: Cruising als kulturelle Praxis«.

Materialsammlung »Stoffe«

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