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Nackt

Monique Schwitter

Nackt

Der Nabel der Nacktheit © Lieven Yul

Nicht/Nackt

Wenn Dürrenmatt, erzählt man sich, entkleidet vor den Spiegel tritt, trägt er seine Brille. Andernfalls könnte er sich von seiner Nacktheit nicht überzeugen. Ohne Augenschein keine Überzeugung. Ohne Überzeugung keine Tatsachen. Auch keine nackten. Dürrenmatt glaubt nur, was er sieht. Und was er nicht glaubt, kommt ihm nicht in den Sinn. Und was ihm nicht in den Sinn kommt, kann er weder vernehmen noch verkörpern. Und schon gar nicht erfinden. Denn Dürrenmatt ist nicht nackt, er sieht sich nackt. Er fährt zusammen. Gellender Ekel angesichts seines nackten Körpers. Die Scham steigt ihm heiß zu Kopf. Wie er sich schämt. Die Scham ist der beste Beweis für seine Nacktheit. Ich bin ja ganz nackt, sagt sich Dürrenmatt. (Er riecht seinen Atem. Angewidert schließt er den Mund.) Nicht ganz nackt! Die Brille trage ich ja noch. (Was stinkt denn da so? Er schließt den Mund.) Trüge ich sie nicht, trügten mich meine Augen, und ich sähe nicht, was ich sehe; was mich ekelt, was mir heiß einfährt: das Bild meiner unverstellten, unverhohlenen Hässlichkeit. Er schließt den Mund. Er nimmt die Brille ab. Jetzt, denkt er, jetzt bin ich bloß und bar. Er öffnet die Augen und starrt sich an. Er sieht etwas Verwischtes. Nichts Halbes, nichts Ganzes, nichts Bedecktes, nichts Nacktes. Tut mir leid, entschuldigt sich Dürrenmatt bei Dürrenmatt (ohne den Mund zu öffnen), ich weiß nicht, was du bist, aber nackt bist du nicht. Macht nichts, beschwichtigt Dürrenmatt Dürrenmatt, alles Ansichtssache.

 


 

Woraus besteht die Gegenwartsliteratur? Unsere Reihe im Rahmen von »Neustart Kultur« fragt: Woraus ist die deutschsprachige Gegenwartsliteratur gemacht, aus welchen Materialien, Gegenständen und Ideen besteht sie, aus welchen Stoffen gewinnen Texte heute ihre Kraft? Mehr Infos zur Veranstaltungsreihe hier.

Dieser ›Stoff‹ ist Teil von »Stoffe: Dürrenmatt«.

Materialsammlung »Stoffe«

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Der Nabel der Nacktheit © Lieven Yul

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