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Hiob

Koray Yılmaz-Günay

Hiob

Wieso war es so schwer, ›ich‹ zu sagen?

 

Ich habe früh gelernt, dass ich nicht komplett bin, nicht genug. In der Kindheit waren wir Gäste, die schon lang zu lang geblieben waren. In der Schule fehlte Deutsch, in der Pubertät das ausreichende Interesse an Mädchen, in der Jugend waren die Brüder und Schwestern wieder vereint – nur bei mir kein Freudentaumel zum Familienfest. Stiefkind-Sorgen. Später dann muslimisch, zu viele Kinder, zu wenig Freiheit, zu undankbar, zu mangelhaft die Einpassung in die Gesellschaft. Die Nächte im Park waren die Ausnahme, der dunkle Keller. Ohne Name, ohne Gesicht, ohne Wokommstduher, Wogehstduhin.

Ich hätte gern einen neuen Hiob geschrieben, vermessen wie ich bin: Das wäre ein Stoff, zu mir gekommen, ohne dass ich nach ihm suchen musste. Lauter kleine und große Prüfungen, so als hätten sich zwei höhere Wesen zu einem Spiel verschworen, bei dem Hunderte und Tausende sterben, bei dem Vieh und Haus und alles andere verloren geht, damit am Ende eins der beiden sagen kann: Wusstichsdoch! Nur nicht biblisch, sondern heutig. Ein Spiel aus Langeweile. Ohne Anlass, ohne Ziel. Mit einer Flasche Bier in der Hand, vielleicht, im dunklen Gang.

Ich schrieb, soistesnicht. Ich schrieb und schrieb und löschte wahre Hiobiaden. Es wurde nie ein Held daraus – und auch kein Anti-Held. Kein glaubwürdiger. Also wirklich keiner. Hiob hätte Eigenes behandeln müssen, Erlebtes erzählen, müsste ›ich‹ zu sich sagen, den Mut aufbringen zu einem anderen Ende, zu einem Istmirnichtegal. Zu einem Ichnehmeespersönlich. Hiob hätte das Licht anknipsen müssen.

Dazu war ich nieundnimmer in der Lage. Auch nicht zu dem andren Schluss – einem, bei dem nicht Gott gewinnt oder Satan, sondern Hiob. Oder besser niemand. Ich konnte nicht in Ich-Form schreiben. Gewusstes musste es sein, Erdachtes, Wichtiges. Erlogenes also, Sachen. Für den reinen Ich-Stoff hat es nicht gereicht, der kam nie einfach so zu mir. Dem Ich fehlte immer etwas an sich selbst. Der Mangel war in ihm. Das ich war kein anderer, es war niemand nach den Maßstäben, die gelten. Das Ich hatte das gelernt und nichts anderes. Es hatte sich zerlernt.

Eines Tages sprach mich eine Freundin an. Ich sollte für eine Lesung ihrer Gruppe »Daughters and Sons of Gastarbeiters« einen Text beisteuern. Etwas Autobiographisches. Laut gelesen. Vor Publikum. Ich hätte viereinhalb Monate Zeit für zehn Minuten im halben Dunkel, mit einer Lampe auf dem Tisch. Ziemlich viel Wokommstduher-Wogehstduhin.

Bis in den Morgen des Tages der Lesung schrieb ich und verwarf ich: zu unwichtig; zu kitschig, auch Scham, Geheimnisverrat, Nestbeschmutzung vielleicht. Es nicht wert.

Die Lesung lief fantastisch. Ich hatte Gegenstände dabei, die auf früher zeigten. Vom Mobiltelefon kam, ein bisschen laut, begleitend die Musik, die wir in der Geschichte im Auto hörten, als es in den Sommerurlaub ging. Der Unterschied: Gesungen wurde sie nicht von Bülent Ersoy, die das besungene Leid als Trans-Frau selbst erleben musste, sondern von der jungen Pop-Ikone, die es sich ohne Gefahr zu eigen machte.

Es war eine Geschichte über die Reise in die Heimat der Eltern, die für mich zur Kindheits-Reise wurde. Vielleicht in meine Kindheit, vielleicht in eine andere. Das spielte jetzt aber ohnehin keine Rolle mehr. Vielleicht, weil nicht alles Erfundene unwahr ist – und auch, weil vielleicht nicht alles, das sich an ein Selbst klammert, zum wahren Zeugnis reicht…

 


 

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Dieser ›Stoff‹ ist Teil von »komm in den totgesagten park und schau: Cruising als kulturelle Praxis«.

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