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Gärstoff

Hannah Zufall

Gärstoff

Woraus der Schreibstoff ist, weiß ich nicht. Ich weiß nur eins: Wenn’s gut läuft, gärt er ordentlich. Dafür nehme man zunächst einen Hefepilz. Frische Hefe ist ein agiler, eigenwilliger und empfindsamer Organismus, der es feuchtwarm und zuckrig mag. Gibt man ihm einen angenehmen Raum zum Gären, wächst und gedeiht er vorzüglich. Der ominöse fungus artisticus, das potente Antriebsmittel künstlerischer Tätigkeit, versteckt sich gerne bei den frischen Lebensmitteln. Dabei entzieht sich die Hefe einfacher Kategorisierung und der schnöden Banalität der Kühlregale. Nur mit größter Mühe und Aufmerksamkeit erspäht man die scheuen Frischhefezauberwürfel zwischen buttrigen Eitelkeiten und ungehobeltem Parmesan.

Einmal im glücklichen Besitz der lichtscheuen Hefe, achte man darauf, sie mit ordentlich Süße zu begrüßen. Die Hefe liebt das Zuckerwasser wie eine Hummelkönigin, die grad geschlüpft,dringend Nektar braucht, sonst verendet sie. Hernach muss man die Kunstgedanken in Ruhe gehen lassen, bis aus der hochproduktiven Ursuppe aus Zucker und Wasser ein erstes Blubbern hervorsteigt.

Doch Obacht! So vorsichtig der kreative Gärprozess zunächst auch sein mag, so handfest und schlagfertig muss die weitere Bearbeitung sein: Bis zu hundert Mal muss der Stoff geschlagen werden. Man muss dem Pilz die eigenen Sporen geben und dem Stoff Beine machen, auf dass er sich verselbstständigen mag. Erst so kann ein Text entstehen, dessen Konzept im besten Fall aufgeht. Nach Gusto salzen und in Stücke schneiden, voilà, fertig ist das Werk!

 


 

Woraus besteht die Gegenwartsliteratur? Unsere Reihe im Rahmen von »Neustart Kultur« fragt: Woraus ist die deutschsprachige Gegenwartsliteratur gemacht, aus welchen Materialien, Gegenständen und Ideen besteht sie, aus welchen Stoffen gewinnen Texte heute ihre Kraft? Mehr Infos zur Veranstaltungsreihe hier.

Dieser »Stoff« ist Teil von »Stoffe: Theaterstoffe #2«.

Materialsammlung »Stoffe«

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