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Der Wedding

Ulrich Woelk

Der Wedding

Berlin-Wedding 1987 © Bettina Keller

Niemand wäre damals freiwillig in den Wedding gezogen. Wer 1987 aus Westdeutschland nach Berlin kam, suchte sich eine Wohnung in Kreuzberg oder Schöneberg. Aber die waren rar, um nicht zu sagen, es gab keine bewohnbaren mehr. (Nicht bewohnbare schon.)

Also der Wedding: Vierstöckiges-Gründerzeithaus, nie zerstört, immerhin. Drei Monate Renovierung der Wohnung, mindestens fünf Schichten Tapeten runterzuholen. Irgendwann hat uns die Frau eines Kneipenwirts erzählt, sie sei nach dem Krieg in exakt unserer Wohnung aufgewachsen. Wir konnten das rekonstruieren: Das nicht entfernbare Tapetenmuster hinter einem Heizkörper war das aus ihrer Kindheit.

Für uns war der Wedding eine Zeitmaschine in die Nachkriegsjahre: Der riesige Flakbunker im Humboldthain, zerschossene Hausfassaden, jede Menge Holz- und Kohlehandlungen für die Kachel-, Bade- und Koksöfen. Dann die Menschen auf der Straße. Wir haben damals gesagt, das sind echte Berliner, im Gegensatz zu den das Stadtbild prägenden Zugereisten in den Szenevierteln. Einmal wurde ich beim Radeln gegen eine Einbahnstraße von einem entgegenkommenden Motorradfahrer beschimpft: „Falsche Richtung, du Arschloch.“ Und es gab die alte Frau, die kaum noch gehen konnte, und für ihre Freundinnen, die gar nicht mehr gehen konnten, im Eckladen alle Zeitschriften und bunten Blätter kaufte.

Irgendwann mochten wir den Wedding. Wir sagten immer: „Der Wedding kommt!“ Dennoch hatte ich in diesen Jahren nie den Gedanken, einen Roman im Wedding anzusiedeln, aber fast dreißig Jahre später fand ich es eine gute Idee. Auch die Literatur kann eine Zeitmaschine sein. Und es macht Spaß, von etwas Unbekanntem zu berichten, was beim Wedding nach wie vor der Fall ist. Denn der Wedding ist nie gekommen – bis heute nicht.

 


 

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Dieser ›Stoff‹ ist Teil von »Stoffe: Für ein Leben«.

Materialsammlung »Stoffe«

Der Wedding

Berlin-Wedding 1987 © Bettina Keller

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