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Das erste selbstgelesene Buch

Katharina Marie Schubert

Das erste selbstgelesene Buch

© Ravensburger Verlag

Meine Oma trug über ihren engen Wollpullovern eine lange silberne Kette mit einem großen blauen Edelstein. Durch die Sprungschanze, die ihr Busen für die Kette bildete, baumelte der Edelstein immer in der Luft, vor meiner Nase, was faszinierend war. Nach ihrem Tod fand ich die Kette in ihrem Schmuckkästchen. Jetzt war sie einfach nur noch eine Kette. Es fehlte die Oma, die sie trug, es fehlten der Duft der Oma und das Baumeln. Es ist für mich immer unbegreiflich gewesen, dass Gegenstände, Kleidungsstücke, Bäume und Häuser einfach bleiben. Unberührt und unbeteiligt, geduldig und seelenlos.

Ich habe einmal ein Theaterstück geprobt, für das wir Fotos als Requisiten benutzt haben. Wir hatten einen ganzen Umzugskarton voll, den ein Assistent aus dem Fundus geholt hatte. Es waren die Fotos einer Familie, die man bei ihren Urlauben, Faschingsfeiern und Geburtstagen studieren konnte und ständig am Esstisch mit zur Kamera erhobenem Weinglas saßen. Westdeutsche Wirtschaftswundermenschen mit viel zu roten Gesichtern. Es liegt daran, wie die Filme entwickelt wurden, aber diese Familie sah aus, als würde sie die ganze Zeit Braten und Rouladen und Kartoffeln essen. Speckig, schwitzend, mit Wurstarmen in geblümten Kleidern. Wie waren die Fotoalben in den Fundus des Theaters gelangt? Und jetzt wurden diese Fotos von uns benutzt, aber nur als buntes Papier, als Requisiten eben. Wenn man sich überlegt, wie viele Fotos es auf allen Handys dieser Welt von Familien an Esstischen gibt – wer soll mit diesen ganzen Erinnerungen klarkommen? Wer soll das alles verwalten?

Im Bücherregal meiner Mutter fand ich auf der Suche nach einem Bilderbuch für meine Tochter das Buch „Drachen gibt’s doch gar nicht“. Es ist aus der Reihe „Mein erstes Taschenbuch“, und ich erinnere mich daran, es gelesen zu haben. Auf die erste Seite hat meine Mutter mit Bleistift „Dieses Buch hat Katharina mit 6,5 Jahren schon allein gelesen. Es war ihr 1. Lesebuch“ geschrieben. Ich meine, in dem Schwung der Buchstaben ihren Stolz und ihre Zuneigung erkennen zu können. Da ist alles versammelt. Meine Mutter, meine Kindheit und Bücher. Bücher sind das Eigentliche.

 


 

Woraus besteht die Gegenwartsliteratur? Unsere Reihe im Rahmen von »Neustart Kultur« fragt: Woraus ist die deutschsprachige Gegenwartsliteratur gemacht, aus welchen Materialien, Gegenständen und Ideen besteht sie, aus welchen Stoffen gewinnen Texte heute ihre Kraft? Mehr Infos zur Veranstaltungsreihe hier.

Dieser »Stoff« ist Teil von Stoffe #3.

Materialsammlung »Stoffe«

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