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Besteck

Rebekka Kricheldorf

Besteck

© privat

Es war einmal, vor langer, langer Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat, da begab es sich, dass eine Fee einem Kind ein Besteck-Set in die Wiege legte. Das Besteck ward aus purem Gold, und in seine vier Teile waren jeweils der Name des Kindes und eine Figur aus dem Universum Wilhelm Buschs eingraviert. Die Fee beugte sich über die Wiege und sprach: Möge dies Besteck dir die Lust an Komik, Drastik und schwarzem Gelächter ins Herz pflanzen. Mögest du stets das Absurde im Alltäglichen, das Phantastische im Realen und das Existenzielle im Banalen suchen. Möge dir dein Lebtag ein Hang zu Märchen, Mythen und Comics beschieden sein. Und so geschah es auch. Das Kind aß seine Mahlzeiten mit dem verwunschenen Besteck, und je mehr es damit aß, desto wunderlicher wurde es. Jedes Mal, wenn es das verwunschene Gäbelchen zum Munde führte, wuchs sein Schalk. Jedes Mal, wenn es mit dem verwunschenen Messerchen einen Bissen schnitt, erstarkte der Narr in ihm. Jedes Mal, wenn’s sich mit dem verwunschenen Breischieberchen einen Batzen Brei aufs verwunschene Löffelchen lud, schwoll ihm der Kamm. Und eines Tages wurde sein Drang so groß, dass es sich hinsetzte und ein Theaterstück schrieb. Und hat’s nicht mehr aufgehört zu schreiben, über Bösewichte und Tugendbolde, sexy Werwölfe und erschöpfte Comichelden, missverstandene Stiefmütter und verlorene Söhne, aufständische Prinzessinnen und traurige Vampire. Und wenn es nicht gestorben ist, dann schreibt es wohl noch heute.

 


 

Woraus besteht die Gegenwartsliteratur? Unsere Reihe im Rahmen von »Neustart Kultur« fragt: Woraus ist die deutschsprachige Gegenwartsliteratur gemacht, aus welchen Materialien, Gegenständen und Ideen besteht sie, aus welchen Stoffen gewinnen Texte heute ihre Kraft? Mehr Infos zur Veranstaltungsreihe hier.

Dieser »Stoff« ist Teil von Stoffe: Theaterstoffe #1.

Materialsammlung »Stoffe«

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