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Benzin

Christine Lötscher

Benzin

Benzin stinkt. Benzin riecht gut. So gut, dass es für Nostalgiker·innen des fossilen Zeitalters sogar ein Parfum gibt, das an die intensiven, leicht beißenden, immer betörenden Dämpfe erinnert. Umfragen belegen, dass der Duft von Benzin genauso beliebt ist wie der von frisch gedruckten Büchern. Was wiederum nahelegt, dass Benzin mehr ist als ein Kraftstoff des ausklingenden fossil-automobilen Zeitalters.

Als literarischer Stoff geht es um wie ein Gespenst.

Manchmal zieht es sich diskret zurück und wird zum Medium. Reinhard Mey lässt das Benzin die grauen Asphaltbahnen romantisch verbrämen: Da schillert es in den Pfützen wie ein Regenbogen, Wolken spiegeln sich darin.

Benzin verschwindet hinter den Bildern, wie es im Tank verschwindet. Doch was treibt es da?

In Friedrich Dürrenmatts Meta-Kriminalroman »Das Versprechen« treibt es das Erzählen an – weil der Mörder nur morden kann, wenn er in seinem Auto dem Dunstkreis seiner Frau entkommt. Dazu braucht er Benzin, was Kommissar Matthäi den todsicheren Plan aushecken lässt, die einzige Tankstelle zur Mörderfalle zu machen. Der Plan scheitert, und die Tankstelle wird zur Gefängniszelle für den Ermittler, der an der Kontingenz verzweifelt. Nur das Benzin fliesst weiter aus der Tanksäule.

Das brennende Streichholz, das in so vielen Romanen und Filmen aus einer Tankstelle ein Feuerwerk macht, ist vielleicht nur dazu da, um die Gespenster, die an den Strassen sitzen und träumen, zu erlösen.

 


 

Woraus besteht die Gegenwartsliteratur? Unsere Reihe im Rahmen von »Neustart Kultur« fragt: Woraus ist die deutschsprachige Gegenwartsliteratur gemacht, aus welchen Materialien, Gegenständen und Ideen besteht sie, aus welchen Stoffen gewinnen Texte heute ihre Kraft? Mehr Infos zur Veranstaltungsreihe hier.

Dieser ›Stoff‹ ist Teil von »Stoffe: Dürrenmatt«.

Materialsammlung »Stoffe«

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