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Aus der Luft

Tanasgol Sabbagh

Aus der Luft

Alles muss auch durch meinen Mund gegangen sein.

Es reicht nicht der Text der anderen: die Artikel, die Interviews, Captions, Tweets. Alle müssen das bereits Bekannte wenigstens einmal gesagt haben, ich sehe es in den Augen meiner Gegenüber: Das Vokabular wird abgefragt, Berechtigung erteilt.

Ich spreche nach: Alles muss auch durch meinen Mund gegangen sein.

Mit der Zunge ziehe ich über Zähne, prüfe ihren Biss.

Lange dachte ich: Schreibe so, dass deine Eltern es verstehen würden, wenn sie die Sprache sprechen könnten, wie du.

Ich öffne meinen Mund.

Irgendwo schreibt jemand: In ihrem Gedicht […] macht Tanasgol Sabbagh ihrem, wie sie sagt, »Unbehagen der Welt gegenüber« Luft.

Ich sehe mich, Luft in der Hand: Stickstoff und Sauerstoff in den Wind pusten.

Morgens sitze ich im Zimmer und denke über Form nach, während ich in Eingeweiden nach Inhalt wühle – vielleicht meinte die Grundschullehrerin genau das, als sie meiner Mutter erklärte, dass dieses Land auch Bäcker und Metzger braucht.

Es gibt für jede meiner Erinnerungen eine gesellschaftliche Schablone, ich zeichne sie nach, male über Ränder hinweg.

Lange erklärte ich alles in kleinen Schritten, Angst davor, aus der Luft gegriffen zu werden.

Jetzt liegt zwischen mir und dem Sagbaren eine Linie; uns trennt ein Atemstrich.

Alles muss auch durch meinen Mund gehen können, denke ich, immer, wenn ich schreibe und spreche nur mir selbst nach.

 


 

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Dieser »Stoff« ist Teil von Stoffe #8.

Materialsammlung »Stoffe«

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