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Aufprall

Sarah Berger

Aufprall

Meinen Körper eng um mich geschnürt, stürze ich aus der Wohnung, die Treppe hinunter, und mich und meinen Körper auf die Straße, über den Asphalt. Wir sind in Eile. Wir habe es eilig. Wir müssen von HIER weg oder nach DORT hin, wir sind in Bewegung, wir sind extrem bewegt, da ist immer so extrem viel Erschütterung in diesem Körper, da ist immer so eine Wucht und Vehemenz in diesem Körper, da will immer etwas … heraus aus diesem Körper, da will immer etwas … entweichen, da will immer etwas … weg!

Ein Zittern, ein Schlottern, eine Hektik überkommt mich, sobald ich wach bin, mich durch die Chats scrolle, den ganzen Tag und mich mitten in die Nacht scrolle, wenn ich dann mitten in der Nacht noch immer wach bin: ICH bin wach!

Und die ANDEREN? Da müssen doch auch ANDERE wach sein, andere Personen, mindestens eine andere Person müsste doch auch wach sein um diese Zeit… oder gibt es das: das wirklich alle schlafen? Gleichzeitig? Nur eine ist immer wach und stürzt sich über den Asphalt? Nur eine ist immer und so richtig wach, so ganz und gar aware und auf der Suche.

Warum hört dieses Suchen gar nicht mehr auf? Dieses Fahnden, an den Aussengrenzen meines Körpers? Nach den äussersten Rändern, nach dem Ende meines Körpers tastest du, wie deine Augen eine Landschaft abtasten, die beim kleinsten Versuch einer näheren Betrachtung in sich zusammen bricht. Und ich spüre es endlich: die Nähe. Die Nähe zu all den ANDEREN, all den Selfies und Summeries, den Likes und Herzchen, zu all den Matches und People you may know und the most private thing I’m willing to admint? Dunno, maybe that I have feelings? Maybe that I mostly feel absent & disconnected unless I do art, but when I do art I feel lonley? Maybe that I feel loved and hollowed out?

Aber du spürst sie doch auch, die Nähe, nicht wahr? Du kannst es doch auch spüren: Dich und mich und meinen eng um mich geschnürten Körper. Du spürst sie doch auch, die Schlingen und Schlaufen meines Körpers, die Einbuchtungen, Auswüchse und Tentakeln, ich bilde mir das nicht nur ein, das ist echt, oder? Du kannst es doch auch spüren, du kannst dich darin festhalten, nicht wahr, du spürst ihn doch, meinen Körper, du bist ganz verbissen darin, deine Hände sind tief eingearbeitet in diesen Körper, jeden Zentimeter dieses Körpers hast du präzise aufgebrochen, perforiert hast du ihn, beim Versuch aus dir heraus und ineinander zu geraten. Auch du bis ein Körper, eng umschlungen und verschlossen. Auch du bist ein Körper und schreist: ICH WILL HIER RAUS! Du schlägst um dich und mich, du hämmerst gegen deine Innenseiten, krallst dich fest und reißt uns quasi in zwei Hälften. Ein riesengroßes Loch ist in uns geraten, einmal umgestülpt haben wir uns und ergossen.

Alles ist sehr leise jetzt, dunkel auch, und kühl. Kaum einen Meter weit Sicht, kein Horizont, keine Satelliten am Himmel, nur das Geräusch von knackendem Gehölz unter jedem Schritt und ein Wind, der sanft Blätter ineinander bewegt. Ich renne, so leichtfüßig, als ginge es bergab. Ich renne immer schneller und dann, mit einem Mal, ist alles vergangen und nichts und niemensch ist mehr ich.

 


 

Woraus besteht die Gegenwartsliteratur? Unsere Reihe im Rahmen von »Neustart Kultur« fragt: Woraus ist die deutschsprachige Gegenwartsliteratur gemacht, aus welchen Materialien, Gegenständen und Ideen besteht sie, aus welchen Stoffen gewinnen Texte heute ihre Kraft? Mehr Infos zur Veranstaltungsreihe hier.

Dieser ›Stoff‹ ist Teil von »komm in den totgesagten park und schau: Cruising als kulturelle Praxis«.

Materialsammlung »Stoffe«

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