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Alles, was wir nicht wissen

Ulrike Syha

Alles, was wir nicht wissen

Andri Pol: Menschen am CERN, 2014. © Andri Pol

Die eine Wahrheit gibt es nicht.
Das ist uns allen bewusst. Wir kommunizieren, um unterschiedliche Perspektiven zu verhandeln, sei es nun im Alltag oder in der Kunst. Das ist Teil unserer Überlebensstrategie.
Und doch vergessen wir das gerne, wenn wir von der Wissenschaft Ergebnisse erwarten. Antworten. Nein: die eine Antwort. Das ließ sich während der Pandemie nur allzu gut beobachten.

Ein neuen Text zu schreiben bedeutet für mich, eine Tür aufzustoßen. Wenn auch vielleicht nur einen Spaltbreit. Einblicke zu erhalten in eine Welt, die nicht meine eigene ist. Oder einen Teil der Welt, den ich nicht kenne.

Vielleicht bin ich deshalb Autorin geworden.
Vielleicht ist mein Schreiben also eigentlich ein Betrugsversuch.
Der Versuch, eine unangenehme Prämisse zu umgehen: Nämlich die, nur ein Leben zur Verfügung zu haben. Sich auf eine Biografie, manchmal gar einen Beruf, ein Interessenfeld beschränken zu müssen. Diese Vorstellung hat mir noch nie gefallen.
Also erschleiche ich mir durch das Schreiben Zugang zu anderen Bereichen. Archäologie, Nautik, Mikrobiologie, Städteplanung, Dark Net, Managementtheorien, Kleinkrimininalität. Im Moment bin ich bei der Astrophysik gelandet.
Auf die Wissenschaft komme ich irgendwie immer wieder zurück.

Aber ich bin Theaterautorin, also interessieren mich nicht nur Themen, sondern vor allem auch Menschen. Wie sie kommunizieren, in welchen Räumen sie das tun, unter welchen Bedingungen, wie ihr Alltag dabei aussieht.
Wenn ich den Dialogen einer bestimmten Gruppe Menschen lange genug zugehört habe (und da hätten wir wohl auch schon den nächsten Betrugsversuch), entstehen irgendwann meine eigenen Dialoge. Ein Satz bleibt hängen, ein Nebensatz. Ein Gesichtsausdruck. Ein blöder Spruch auf einer Kaffeetasse, die dann später zu Bruch ging. Und plötzlich entspinnt sich daraus eine ganze Geschichte.

Wissenschaft stellt Fragen. Das ist eines ihrer Hauptmerkmale.
Aber Antworten haben in der Forschungsarbeit immer nur einen temporären Charakter. Ein Richtig und ein Falsch, wie wir es vielleicht noch aus Mathematik-Klausuren in der Mittelstufe erinnern, existiert meist nicht.
Denn jeder Antwort wohnt immer schon die Möglichkeit inne, dass die Wahrheit von heute durch eine andere, eine zukünftige ersetzt werden wird.
Oder – wenn es hart auf hart kommt – vielleicht sogar die Frage selbst.

Die eine Wahrheit gibt es nicht. Aber es gibt Türen, die man aufstoßen kann.
So zumindest verstehe ich Schreiben.

 


 

Woraus besteht die Gegenwartsliteratur? Unsere Reihe im Rahmen von »Neustart Kultur« fragt: Woraus ist die deutschsprachige Gegenwartsliteratur gemacht, aus welchen Materialien, Gegenständen und Ideen besteht sie, aus welchen Stoffen gewinnen Texte heute ihre Kraft? Mehr Infos zur Veranstaltungsreihe hier.

Dieser »Stoff« ist Teil von »Stoffe: Theaterstoffe #2«.

Materialsammlung »Stoffe«

Alles, was wir nicht wissen

Andri Pol: Menschen am CERN, 2014. © Andri Pol

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