Architektur im Grenzgang

Die (post)sozialistische Stadtumgestaltung

Viele Städte in Mittel- und Osteuropa werden bis heute durch die Bauten und Ensembles der sozialistischen Ära geprägt: durch die nach dem 2. Weltkrieg in veränderter Form wiederaufgebauten Stadtzentren, die sukzessive Umgestaltung des überlieferten Stadtbildes mit modernen Gebäuden und die großen, meist peripher gelegenen Wohngebiete. Ein umstrittenes und teilweise auch unbequemes Erbe mit dem in den postsozialistischen (Nachfolge-)Staaten unterschiedlich rabiat umgegangen wird. Einige wenige hochkarätige Bauten gelten mittlerweile als Ikonen der  Architekturgeschichte. Unzählige andere Gebäude wurden

jedoch in den letzten 30 Jahren abgerissen, massiv überformt oder sind seit langem vom Abbruch bedroht. Dies hat unterschiedliche Gründe. Wir baten den Professor für Gestaltung und Fotografie Roman Bezjak, die Künstlerin und Architekturhistorikerin Susanne Hefti und den Architekten und Kurator Damjan Kokalevski, sich gemeinsam mit der Bauhistorikerin und Architekturjournalistin Tanja Scheffler auf eine fotografische Spurensuche zu begeben und in einem Digital Essay zu verarbeiten, wie sich die Thematik in ihrer künstlerischen Arbeit wiederfindet.

Roman Bezjak

Der Professor für den Fachbereich Gestaltung der Fachhochschule Bielefeld wurde 1962 in Ptuj Slowenien/Jugoslawien geboren. Er studierte von 1985 bis 1989 Fotografie an der Fachhochschule Dortmund. Von 1989 bis 1999 erarbeitete er weltweit Foto-Essays für das Magazin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und andere deutsche Printmedien. 1996 gewann er den Deutschen Photopreis.  Zwischen 2005 und 2011 entstand die Arbeit »Archäologie einer Zeit, Bilder zur sozialistischen Nachkriegsmoderne«. Ab 2011 präsentierte Roman Bezjak seine Arbeiten in zahlreichen Einzelausstellungen, unter anderem am Sprengel Museum, Hannover  und am GoEun Museum of Photography, Busan, Südkorea. Er beteiligte sich an Ausstellungen an der Pinakothek der Moderne, München, am Architekturzentrum Wien, in den Deichtorhallen Hamburg und der Robert Morat Galerie in Hamburg. Seine Arbeiten veröffentlichte er in Fotobüchern: »Archäologie einer Zeit – Sozialistische Moderne« erschien 2011 im Verlag Hatje Cantz. Es folgten weitere Arbeiten zur Sozialistischen Moderne in Pjöngjang (2013) und Taschkent (2017-2019) und deren Revision und Überformung in Skopje (2019).

Architektur im Grenzgang

Roman Bezjak © privat

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs entdeckten nach und nach auch immer mehr Bauhistoriker, Fotografen und Künstler die architektonisch-ästhetischen Qualitäten der sozialistischen Moderne („Ostmoderne“). Der Fotograf Roman Bezjak ist bereits ab 2005 – zu einem Zeitpunkt, als dieses bauliche Erbe in breiten Kreisen der Öffentlichkeit kaum beachtet wurde – immer wieder mit einem unvoreingenommenen Blick in Ost- und Südosteuropa sowie der ehemaligen DDR herumgereist, um von Dresden bis Dnipropetrovsk und von Tallin bis Tirana viele der interessanteren Bauten und stadträumlichen Strukturen dieser Ära mit der Großbildkamera zu dokumentieren: vor allem die öffentliche Gebäude, Kulturpaläste und Hotels, aber auch zahlreiche Wohnanlagen. Der daraus entstandene Foto-Bildband »Sozialistische Moderne« (Hatje Cantz, 2011) wurde mit dem internationalen DAM Architectural Book Award 2011 ausgezeichnet.

Architektur im Grenzgang

Sarajewo, 2007 © Roman Bezjak

Architektur im Grenzgang

Bratislava, 2008 © Roman Bezjak

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St. Petersburg, 2009 © Roman Bezjak

Susanne Hefti

Die 1984 geborene Künstlerin ist derzeit als Doktorandin am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur gta/ETH Zürich tätig. Sie studierte bildende Kunst an der Zürcher Hochschule der Künste, Fotografie an der Folkwang Universität in Essen und der Aalto Universität in Helsinki sowie Journalismus an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Hefti erhielt für ihre Arbeit mehrere Stipendien und Preise, u.a. den Preis der Internationalen Bodenseekonferenz und den Wüstenrot-Preis für Dokumentarfotografie. Im Jahr 2014 veröffentlichte sie ihr erstes Buch »Peach« im Kehrer Verlag. Ein zweites Buch, »Skopje Walkie Talkie« in Zusammenarbeit mit Damjan Kokalevski, ist 2019 bei Spector Books erschienen.

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Susanne Hefti © Melk Imboden

Damian Kokalevski

Der 1985 in Skopje geborene Architekt und Kurator arbeitet in Zürich, seine Projekte bewegen sich an der Schnittstelle zwischen akademischer Forschung, Architektur und politischer Aktion. Er studierte in Skopje, Wien und Tokio. Promotion 2018 mit seiner Dissertation »Performing the Archive: Skopje. From the Ruins of the City of the Future« unter der Leitung von Prof. Philip Ursprung, gta/ETH Zürich. Kokalevski kuratierte die Ausstellung »Performative Archive: Skopje, Discussing Urban Reconstruction« bei gta Exhibitions, Zürich 2014 und war 2012 an der Ausstellung »Metabolism: The City of the Future« massgeblich beteiligt. Er ist Mitbegründer des City Creative Network, einem Forschungsprojekt in Skopje.

Architektur im Grenzgang

Damian Kokalevski © privat

Der Foto-Essay-Band »Skopje Walkie Talkie« (2019, Spector Books) ist das Ergebnis der langjährigen Zusammenarbeit zwischen Susanne Hefti und Damjan Kokalevski. Er beschäftigt sich am Beispiel der nordmazedonischen Hauptstadt Skopje mit der Transformation der öffentlichen Räume, die mit der politisch motivierten Umgestaltung des Stadtbildes unmittelbar einhergeht. Denn im Zuge des Aufstiegs Skopjes von der Hauptstadt einer Teilrepublik zur Landeshauptstadt begann ein bis heute anhaltender Prozess dramatischer, vielfach erfolgreicher Versuche das Erbe der Moderne aus der öffentlichen Erinnerung zu verbannen und auszulöschen. Dies führte neben der formal-ästhetischen Kritik an den dabei realisierten historisierenden Bauten auch zu grundlegenden Debatten darüber, wie sich räumlicher Wandel in gesellschaftlichem Wandel niederschlägt.

Architektur im Grenzgang

Skopje © Susanne Hefti

Architektur im Grenzgang

Skopje © Susanne Hefti

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Einblick ins Buch

Sozialistischer Realismus und Ostmoderne

Aufgrund der rigiden sowjetischen Kulturpolitik gab es in den meisten sozialistischen Ländern im Bereich der Architektur und des Städtebaus vergleichbare Entwicklungen. In den frühen 1950er Jahren entstanden monumentale Ensembles mit breiten Magistralen und großen Aufmarschplätzen im Stil des Sozialistischen Realismus. Diese historisierende Architekturlinie wurde in der DDR „Nationale Traditionen“ genannt. In dieser Zeit wurden auch erste neue Industriestädte wie Eisenhüttenstadt in der DDR, Nowa Huta in Polen und Dunaújváros in Ungarn errichtet. Aufgrund der zunehmenden Industrialisierung des Bauwesens setzte sich in den 1960er Jahren jedoch die sozialistische Variante der Nachkriegsmoderne („Ostmoderne“) durch: mit sehr vielen, teilweise landesweit eingesetzten, immer wieder gleichen Typenbauten und einzelnen individuell entworfenen, gestalterische Akzente setzenden Sonderbauten.

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Halle-Neustadt, 1975 © Gerald Große

Zentralisierung und Verstaatlichung des Bauwesens machten in den sozialistischen Staaten, trotz der knappen Ressourcen, ein viel weiträumiges Planen möglich als in West-Europa. In den Innenstädten entstanden dabei teilweise riesige, aus einer Hand geplante Stadtlandschaften. Dabei sollten markante Kunstwerke (Großplastiken, Wandbilder) die städtischen Räume akzentuieren und die Stadtsilhouetten durch neue Signalbauten (Kulturpalast in Warschau, Fernsehturm in Ost-Berlin) eine sozialistische Prägung bekommen. Parallel dazu wurden an den Stadträndern immer größer werdende Plattenbau-Wohnsiedlungen errichtet.

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Dresden, 1970 © Stadtarchiv Dresden

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Skopje und Taschkent

Die bei sehr starken Erdbeben in Schutt und Asche gelegten Städte Skopje im heutigen Nordmazedonien und Taschkent in Usbekistan wurden in den 1960er Jahren völlig neu wieder aufgebaut, Skopje mit internationaler Unterstützung nach einem städtebaulichen Masterplan des japanischen Architekten Kenzō Tange mit vielen verschiedenen spätmodern-brutalistischen Großstrukturen, Taschkent im Zeichen der sozialistischen Völkerfreundschaft von Architekten, Bauarbeitern und Jugendbrigaden aus allen Teilen der Sowjetunion als sozialistische Musterstadt mit einer breiten Magistrale nach dem Vorbild des Neuen Arbat in Moskau, so dass Teile der Stadt auch heute noch wie ein Open-Air-Museum der damaligen Architekturströmungen und Typenbauten wirken.

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Skopje, 2005 © Roman Bezjak

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Taschkent, 2017 © Roman Bezjak

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Die postsozialistischen Entwicklungen

Nach den politischen Umwälzungen des Jahres 1989, die mit dem Niedergang des Kommunismus einhergingen, veränderten sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen: Viele der vorher volkseigenen Immobilien wurden privatisiert und damit einem kapitalistischen Verwertungsdruck ausgesetzt. Dies führte bei den neuen Besitzern der begehrten Innenstadtlagen häufig zum Wunsch, diese meist nur locker bebauten Areale

nachzuverdichten oder aber die mittlerweile sanierungsbedürftigen Gebäude gleich durch Neubauten mit deutlich mehr Baumasse zu ersetzen. Dabei entstanden viele neue Shopping-Malls, später auch luxuriöse Büro-, Wohn- und Geschäftshäuser. Dafür wurden innerhalb von wenigen Jahren unzählige architektonisch interessante Bauten der Ostmoderne abgerissen.

Das Neubauprogamm „Skopje 2014“

Ab 2010 versuchte die nationalkonservative Regierungspartei  der ehemaligen jugoslawischen Republik Mazedonien (seit 2018: Nordmazedonien) der Hauptstadt Skopje mithilfe von unzähligen eklektizistischen Neubauten und historisierend-narrativen Denkmälern ein völlig neues Gesicht zu geben, um so die nationale Identität des Landes zu stärken. Bei diesem umfangreichen Stadtumgestaltungsprogramm („Skopje 2014“) wurden viele Bereiche des Stadtzentrums ohne Rücksicht auf überlieferte Blickachsen mit größtenteils neoklassizistischen oder aber neobarocken Regierungs- und Verwaltungsbauten, Museen und neuen Wahrzeichen wie dem „Porta Makedonija“ genannten Triumphboden bebaut. Auf dem zentralen Makedonija-Platz (früher: Marschall Tito-Platz),  wurde zu Ehren Alexander des Großen eine monumentale Reiterstatue aufgestellt.

Architektur im Grenzgang

Skopje © Susanne Hefti

Architektur im Grenzgang

Skopje, 2018 © Roman Bezjak

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Parallel dazu wurden auch viele Bauten der sozialistischen Ära so grundlegend verändert, dass man sie heute kaum noch wiedererkennen kann. Etliche vorher eher schlichte moderne Gebäude, wie das ehemalige Kaufhaus NAMA, sind dabei hinter historisierenden Fassaden verschwunden. Das einstige Haus der Kommunistischen Partei, heute Sitz der Regierung wurde mithilfe einer neuen neoklassizistischen, lediglich vorgeblendeten Fassade mit Kolossalsäulen und Giebelfeld sogar stilistisch dem Weißen Haus in Washington angepasst.

Architektur im Grenzgang

Skopje,  2018 © Roman Bezjak

Im Zuge des Wunsches, Skopje zu einer historisch gewachsenen „europäischen Stadt“ umzugestalten, kam die Regierung auf die Idee, in den vorher nur locker bebauten Uferzonen des Vardar viele neue vermeintlich identitätsstiftende und tourismusfördernde Bauwerke zu platzieren. Diese teilweise vage an historische Tempelanlagen erinnernden Gebäude und Kolonnaden stehen oft extrem nah am Fluss, mitunter sogar unmittelbar vor den überlieferten modernen Solitärbauten (wie dem Opernhaus), um sie so aus dem öffentlichen Blickfeld zu verbannen. Auch der vorher eher metabolistisch-brutalistische Firmensitz des staatlichen Stromversorgungsunternehmens MEPSO wurde mit langen Säulenreihen versehen. Dabei entstand dann ein ähnliches Ambiente wie am nachgebauten Canale Grande in Las Vegas.

Architektur im Grenzgang

Skopje © Susanne Hefti

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Roman Bezjak über den Umgang mit dem sozialistischen Erbe:

 

 

 

 

 

 

 

Susanne Hefti & Damian Kokalevski über den Umgang mit dem sozialistischen Erbe:

Der Essay entstand im Rahmen des Grenzgänger-Festivals //open : closed borders//, in Kooperation mit dem CLB im Aufbauhaus, gefördert von der Robert Bosch Stiftung / Texte: Tanja Scheffler / Interviews: Sven Sappelt (CLB) / Konzeption & Produktion: Mandy Seidler (LCB) / Videoschnitt: Philipp Fröhlich / Design //open : closed borders//: Paul Spehr

Die Bauhistorikerin und Architekturjournalistin Tanja Scheffler lebt seit 1995 in Dresden. Sie unterrichtet an der Universität Leipzig und der TU Dresden, forscht und publiziert vor allem zur Planungs- und Baugeschichte des 20. Jahrhunderts und ist eine ausgewiesene Expertin für die Geschichte des Städtebaus und der Architektur der DDR. Sie war an der Organisation zahlreicher Ausstellungen beteiligt. Dabei entstanden unter anderen auch die Veröffentlichungen „Big Heritage. Halle-Neustadt?“ (Mitteldeutscher Verlag, 2016) und „Raster-Beton“ (m-books, 2017, ausgezeichnet mit dem DAM Architectural Book Award 2018).

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