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Dilek Güngör

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Mein Stoff war immer schon da. Er zeigte sich in meinem ersten Text, er schob sich in den zweiten und in den dritten und dann wurde er mir unheimlich. Ich schrieb damals eine wöchentliche Kolumne für die „Berliner Zeitung“, immer montags, über meinen Vater und mich. Dialoge, kleine Szenen, immer lustig, weil mehrdeutig, ironisch, nie zynisch. Kann man auf der Meinungsseite einer Tageszeitung, neben Leitartikeln, politischen Kommentaren und den internationalen Pressestimmen, über seinen Vater schreiben? Ja, man kann. Vielen LeserInnen gefiel der Vater, gefiel die kurze Montagsglosse. Sie gefiel auch dem Berliner Verlag edition ebersbach, lange bevor ich selbst auf den Gedanken kann, ich könnte etwas anderes schreiben als Zeitungsartikel.

Der Vater schlich sich in den ersten Roman, zaghaft nur, aber hartnäckig. Er schlich sich in jedes Manuskript, in jeden Text, den ich schrieb. Ich versuchte ihn abzudrängen, was hatte er da auch immerzu zu suchen? Ich schrieb nun keine Glossen mehr, sondern Literatur, da schreibt man nicht über seinen Vater, sondern über ferne Stoffe, literarische Stoffe, und die kommen, meinte ich, nicht aus dem Innern. Je mehr ich schrieb und je mehr ich las, je mehr Vertrauen ich in mein Schreiben fasste, desto klarer wurde, ich würde über den Vater schreiben. Wer sagt, dass das Nahe, das Vertraute, das Intime keinen Platz hätte in der Literatur? Jetzt habe ich ihm Platz gegeben, mehr als je zuvor und bin neugierig, ob er mein Stoff bleibt oder sich verflüchtigt.

 


 

Woraus besteht die Gegenwartsliteratur? Unsere Reihe im Rahmen von »Neustart Kultur« fragt: Woraus ist die deutschsprachige Gegenwartsliteratur gemacht, aus welchen Materialien, Gegenständen und Ideen besteht sie, aus welchen Stoffen gewinnen Texte heute ihre Kraft? Mehr Infos zur Veranstaltungsreihe hier.

Dieser ›Stoff‹ ist Teil von »Stoffe: Zurück zum Konjunktiv Barcelona.

Materialsammlung »Stoffe«

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