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Kachel

Yoko Tawada

Kachel

Beelitz-Heilstätten © Yoko Tawada

Kalte Stille. Krachende Kälte. An der glatten Fliesenwand konnte keine Mikrobe sitzen. Hinter der glasierten Oberfläche verdichteten sich die Stimmen der Toten. In der Werkstatt wurden sie von Meisterhänden und Maschinen mehrmals gepresst. Nach einem langen traumlosen Schlaf wurden sie in den Ofen geschoben. Kein Ton mehr war zu hören, kein feuchtes Husten mehr kam durch, die Materie war durchs Feuer gegangen, um sich zu den edlen Platten zu verwandeln. Mit ihnen wurde die Berliner Armut zugedeckt. Im neu gebauten Palast für die Lungenkranken. Er war ein Erlebnispark für diejenigen, die sich keinen Schweizer Zauberberg leisten konnten. Wie fühlte sich das menschenwürdige Leben an? Jeder bekam seine eigene Zahnbürste. Kochwäsche und das Kaltwasserbad. Der radikale Temperaturwechsel sollte die schlappen Lungenlappen stärken. In den eigenen vier Fliesenwänden war das Leben isoliert und daher kontrollierbar.

Die Kachel hatte einen Migrationshintergrund. In den alten Moscheen wuchsen Blätter und Ranken geometrisch auf den Kachelwänden. Sie trennten das Alltagschaos von den geordneten Reihen der Betenden. Auf der iberischen Halbinsel spannen die Kachelspinnen orangene und türkisfarbene Netze. Holländer nannten die keramischen Platten Tegel und malten mit windigen Pinseln blaue Schiffe und Windmühlen darauf. In den deutschen Heilstätten blieben sie weiß und isolierten die weiße Pest von der Außenwelt. Auch in der Zeit, in der die Schüsse krachten und das Soldatenblut den Boden färbte, blieben sie weiß wie Binden. Es gab sogar Patienten, die sich mit der weißen Farbe der Unschuld schmückten und nach der Heilung ein Unheil in Europa anrichteten. Fensterrahmen und Türen waren nie vor der Witterung der Geschichte geschützt. Zwischen dem Fußboden mit weißem Betonstaub und entkleideten Elektrokabeln an der Decke glänzt heute noch eine unbeschädigte Kachelwand.

 


 

Woraus besteht die Gegenwartsliteratur? Unsere Reihe im Rahmen von »Neustart Kultur« fragt: Woraus ist die deutschsprachige Gegenwartsliteratur gemacht, aus welchen Materialien, Gegenständen und Ideen besteht sie, aus welchen Stoffen gewinnen Texte heute ihre Kraft? Mehr Infos zur Veranstaltungsreihe hier.

Dieser »Stoff« war Teil von Stoffe #5.

Materialsammlung »Stoffe«

Kachel

Beelitz-Heilstätten © Yoko Tawada

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