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Einander

Julia Franck

Einander

© privat

Silben, Worte, Sprache bilden das Gewebe von Kultur, sie schaffen unsere Beziehungen zu einander. Wir hören einander, erzählen einander. Was wir miteinander erleben, wie wir voneinander lernen, was wir einander anvertrauen. Es erscheint mir als besonderer Reichtum der deutschen Sprache, dass wir nicht nur uns und gegenseitig vertrauen, sondern einander. Wir träumen einander und lieben und fürchten einander. Im Einander liegt die Bewegung, die wir aufeinander zu machen, wenn wir Ohr und Zeit einander widmen. Das Pronomen drückt ein reziprokes Verhältnis aus, ein gemeinsames, und es öffnet einen Raum und schafft Beziehung im Vergleich mit jenem sonst zur Hilfe genommenen gegenseitig. Der eine dem anderen, sowohl Akkusativ als auch Dativ. Selbst in der Auseinandersetzung und im Auseinandergehen spannt sich das Gemeinsame zwar, weitet sich der Raum, aber noch sind die Gemeinten aufeinander bezogen. Literatur handelt von nichts anderem, sie entsteht hier, wo einer dem anderen etwas sagt und wie, wie wir einander hören und sehen, sie erzählt davon, wie wir zueinander finden, wie wir zu einander stehen und dem, was wir über einander denken, aneinander finden. Selbst wenn sich die Erzählerin aus großer Ferne über andere beugt und betrachtet, was diese anderen da untereinander treiben, behaupten, erfinden und schreiben, entsteht vom einen zum anderen Geschichte. Das Erzählen selbst ist natürlich der Stoff, aus dem Literatur entsteht. Stirbt der uns nächste andere, endet das Einander und beginnt das Allein. Es tritt an die Stelle jenes noch offenen Raums, in dem alles Denken und Vermissen ohne einander erst das Sprechen miteinander, das einander Widersprechen, alles Erinnern auseinanderfallen lässt. Sprengt. Zurück bleibt der Stoff, das Einander.

 


 

Woraus besteht die Gegenwartsliteratur? Unsere Reihe im Rahmen von »Neustart Kultur« fragt: Woraus ist die deutschsprachige Gegenwartsliteratur gemacht, aus welchen Materialien, Gegenständen und Ideen besteht sie, aus welchen Stoffen gewinnen Texte heute ihre Kraft? Mehr Infos zur Veranstaltungsreihe hier.

Dieser ›Stoff‹ ist Teil von »Welten auseinander«, Lesung und Gespräch mit Julia Franck am 13. Januar 2022, moderiert von Anne-Dore Krohn.

Materialsammlung »Stoffe«

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