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Der Konjunktiv

Janine Adomeit

Der Konjunktiv

Den Konjunktiv, genauer: Konjunktiv II, nutzen wir im Deutschen, wenn wir eine Aus-sage über etwas treffen, das wir uns wünschen, vorstellen oder für möglich halten. Das bedeutet: Der Konjunktiv füllt einen vormals leeren Raum. In der Literatur ist er ohnehin die Bedingung für alles. Denn mehr noch als andere sind Autor:innen Men-schen, die ständig überlegen, was zu tun wäre oder was hätte getan werden können.

Fast immer wollte ich Autorin werden. Nur eine kurze Zeit lang, da war ich etwa elf Jahre alt, hatte ich einen anderen Berufswunsch: Wissenschaftlerin. Ich stellte mir vor, an Substanzen zu forschen und ein Medikament zu entwickeln, das meine Mutter von ihrer Autoimmunerkrankung heilen würde. Meine Noten in Biologie, Chemie und Physik waren für ein naturwissenschaftliches Studium zwar viel zu schlecht. Trotz-dem malte ich mir die Möglichkeit aus.

Dabei erkannte ich: Wenn die Wirklichkeit nicht ausreicht, wenn die Wirklichkeit an ihre Grenzen stößt, wenn der Wirklichkeit der Atem ausgeht, ist das einzig funktionie-rende Forschungsinstrument die Vorstellungskraft. Geschichten müssen erdacht werden, um herauszufinden, welche Stoffe des Lebens, konkreter: welches Mischver-hältnis, die Bedürfnisse des Hier und Jetzt stillen könnten.

Aus diesen Seitenlinien der Realität macht die Literatur einen Dialog. Dabei führt sie nicht nur Idealzustände vor, sondern auch Sollbruchstellen, verpasste Chancen, Un-glücke.

Die Literatur sagt: Das hättest du sein können.

Je mehr dieser Dialoge man mit Texten führt, je mehr Konjunktive man erforscht und je öfter man Stellung zu ihnen bezieht, desto besser wird man darin, Auswege aus einer unbefriedigenden Situation zu finden. Gleichwohl können Geschichten auch die Einsicht vermitteln, wo die eigene Verantwortung, die eigene Zuständigkeit endet.

Am Ende bin ich doch Wissenschaftlerin geworden, Literaturwissenschaftlerin. Ich habe die niedergeschriebenen „Hätte“, „Wäre“ und „Könnte“ vergangener Jahrhunder-te bis in die Gegenwart studiert. Immer waren sie ein Experiment darin, Ordnung in einer Welt herzustellen, die aus den Fugen geraten scheint. Waren sie die Stoffe in einem Versuchslabor für alles, was (noch) nicht ist oder sein kann.

Ich glaube, ich habe gelernt: Jeder Mensch hat den einen biographischen Konjunktiv, der sich am meisten aufdrängt. Die entsprechenden Bewältigungsstrategien sind das Thema meiner Texte.

 


 

Woraus besteht die Gegenwartsliteratur? Unsere Reihe im Rahmen von »Neustart Kultur« fragt: Woraus ist die deutschsprachige Gegenwartsliteratur gemacht, aus welchen Materialien, Gegenständen und Ideen besteht sie, aus welchen Stoffen gewinnen Texte heute ihre Kraft? Mehr Infos zur Veranstaltungsreihe hier.

Dieser ›Stoff‹ ist Teil von »Stoffe: Zurück zum Konjunktiv Barcelona«.

Materialsammlung »Stoffe«

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