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Endzeitstimmung. Die Klimadebatte zwischen Apokalyptik und Realismus

Vom Mythos bis zum Blockbuster: Mit ihrem Ende hat sich die Menschheit immer gern befasst. Vor der Klimadebatte des 21. Jahrhunderts nährte – im Maßstab einer globalen Öffentlichkeit – zuletzt die Atomkriegsangst im Kalten Krieg Weltuntergangserwartungen. Der Kampf gegen die Erderwärmung – deren Folgeschäden vielerorts bereits verheerend sind – hat andere Fragen der internationalen Politik in den Hintergrund treten lassen. Wenn überhaupt noch etwas zu retten ist, so könnte man meinen, dann ist es das Klima. Manche Stimmen erklären schon die Demokratie als System für ungeeignet, die Aufgaben zu bewältigen. Und was macht es mit den Einzelnen, ihrem Blick auf die Welt und einander, zugleich Statist·innen und Protagonist·innen eines solchen Endzeitszenarios zu sein? Ausgehend von einer aktivistischen und einer kulturhistorischen Perspektive versuchen wir eine Standortbestimmung jenseits von Ohnmachtsglauben und Allmachtsphantasien.

Hartmut Böhme

Klima – Natur – Anthropozän

Ich werde nicht zu den naturwissenschaftlichen Ergebnissen der Klimaforschung sprechen. Doch setze ich den weltweiten Konsens der Klimaforscher und Geowissenschaftler voraus und werde nicht auf die politische Rhetorik der Klimaleugner eingehen. Ich gehe ferner davon aus, dass die menschliche Kultur zu einem beherrschenden Faktor der Erde geworden ist. Neben den natürlichen Klima-Perioden muss demnach das Klima heute vor allem als anthropogen modelliert verstanden werden. Sprich: das Klima ist keine reine Naturgegebenheit mehr, sondern ist von uns Menschen zu verantworten.

Da das Klima zur Natur und zur Kultur gehört, also zu einem hybriden System geworden ist, beginne ich mit Stichworten zu Typen von Naturbildern, wie sie für unsere Tradition leitend sind. Danach werde ich – bezogen auf ausgesuchte Natursegmente – demonstrieren, wie diese Effekte die Gestalt der Erde neu formatieren und wie kulturell bzw. künstlerisch darauf reagiert wird.

Zwei große Matrixen bestimmen Umgangsweisen und Bilder von Natur: das ist zum einen die mathematisch-technische und zum anderen die semiotisch-ästhetische Matrix. Natur wird also 1. nach Maßgabe von kulturellen Zielen technisch transformiert; und sie wird 2. wahrgenommen, erlebt, empfunden und gedeutet – entsprechend dem historischen Stil unserer Sensomotorik, unserer kulturellen Semantiken und geschmacklichen Präferenzen. Von daher können wir, für die abendländische Tradition, folgende vier Modelle von Natur ausmachen:

1. das hermeneutische Projekt: die Natur wird gelesen und ausgelegt, aber nicht beherrscht: die semiotisierte Natur;
2. das technisch-konstruktive Projekt: Natur wird instrumentell beherrscht, aber nicht verstanden: die technisierte Natur;
3. das ökologische Projekt: Natur wird repariert, geschützt und balanciert, aber nicht gestaltet: die besorgte Natur;
4. das kulturelle Projekt: Natur wird gestaltet, aber nicht beherrscht: die kultivierte Natur.

Ich rede von Natur als Projekt und nicht von ‚Natur an sich‘, die es im terrestrischen Maßstab nur noch als systemische Randbedingung gibt. Durch die wachsende Mächtigkeit von Kultur und Technik wird menschliches Handeln von der Natur entkoppelt. Nicht nur in den technischen Arrangements, sondern auch in den Künsten dominiert nicht mehr die Natur, sondern das Artifizielle. Wir leben in einer Epoche der Künstlichkeit, in der Natürlichkeit kein Referenzpunkt ist. Kulturelle Einrichtungen waren die längste Zeit inmitten einer mächtigen Natur fragil situiert. Heute aber ist es umgekehrt: die Natur der Erde und viele Lebewesen sind in Abhängigkeit zur Kultur geraten. Deswegen heißt es: wir leben im Anthropozän.

Schwindendes Eis

Klimaforscher halten das Abschmelzen des arktischen und antarktischen Eis-Schildes für einen Wendepunkt in der Klimageschichte. Das anthropogen ausgelöste Abschmelzen ist ein unterdessen selbstlaufender Prozess, d.h. der tipping point der Eisschmelze ist überschritten – wie auch bei vielen anderen Erd-Prozessen. Der steigende Meeresspiegel betrifft 500 Millionen Menschen. Die Biochemie der Meere ändert sich und hat jetzt schon für Fauna und Flora katastrophale Folgen, z.B. für Korallenriffe und ihren einzigartigen Artenreichtum. Die CO2-Absorption durch das Meer kompensiert nicht mehr den CO2-Ausstoß der menschlichen Gesellschaften. Der Temperaturanstieg in der Arktis ist dreimal so hoch wie im Rest der Erde. Die Verkleinerung der das Sonnenlicht reflektierenden Eisfelder verstärkt den Temperaturanstieg, weil Meerwasser und freigelegte Landmassen einen mehrfach kleineren Albedo-Effekt als Eisflächen aufweisen. Die Eisfläche der Arktis nahm seit 1970 jährlich um 12,9 % ab. Das scheint für Schifffahrtsrouten und meerischen Rohstoffabbau günstig; um den Tiefsee-Bergbau auf dem arktischen und grönländischen Sockel konkurrieren jetzt schon viele Nationen. Niemand aber weiß, wie sich das Verschwinden des arktischen Eises auf das System der Meeresströmungen (z.B. Golfstrom) auswirken wird. Ähnliches gilt für die Schmelze der Gletscher, etwa im Himalaya, wo die Temperaturen besonders schnell steigen. Auf dem Dach der Welt entspringen 10 Ströme, die für 1,5 Milliarden Menschen die Lebensader bilden. Besonders in China, aber nicht nur dort, werden entlang der Himalaya-Flüsse zur Elektrizitäts-Gewinnung zahllose Staudämme gebaut, die für das Wasser-Regime sowie für die Agrarwirtschaft unabsehbare Folgen haben.

Was wird aus dem Eis in der Kunst?

Öfters stößt man im Werk von Julian Charrière auf eigenartige Skulpturen: (Abb.1) in doppelverglasten Showcases erkennt man Arten von ‚prähistorischenʻ Pflanzen, die bei Minus 196° durch Eintauchen in flüssigen Stickstoff kryonisiert wurden und, mit Eis zugewuchert, bei Minus 20° konserviert werden. Die Skulpturen sind gleichsam Fossilien der Kreidezeit, zu der Charrière arbeitet.

Die überaus heiße Kreidezeit endete durch einen gewaltigen Meteoriten-Einschlag, vor 65 Millionen Jahren, mit einer fast völligen Auslöschung von Flora und Fauna – das Ende auch des Dinosaurier-Zeitalters. (Abb.2) Für Charrièrre sind diese Pflanzen Zeugen der erhaltenen DNA von längst ausgestorbenen Pflanzen und Tieren. Sie begegnen nun im Kunstraum und gehören im weiteren Sinn zu dem Projekt, an dem die Bio-Art arbeitet: der Geoästhetik. Hier wird die Erdgeschichte ebenso zum Thema wie der Klimawandel, der das ‚Gesichtʻ  der Erde verändert. So ist Charrière zu einem künstlerischen Archäologen der Geschichte von Gaia geworden.

Dazu passt, dass Charrière in seinem Projekt The blue fossil entropic stories (2013) (Abb.3) versucht, einen 30.000 Jahre alten Eisberg mit einer Lötlampe abzuschmelzen: ein groteskes Bild, das die Disproportion von Mensch und Natur in doppelter Weise hervortreibt. Das wird nicht ihm, wohl aber dem Klimawandel gelingen, der die Eiszonen zu einem schwindenden Museum der Erdgeschichte werden lässt, des Holozän, das in das Anthropozän übergeht. Wie wird der blaue Planet ohne Eis aussehen? Wie wird er aussehen mit den immer größeren Zonen von Wüsten, die zum leblosen Areal einer planetarischen Aufheizung geworden sind? The Uninhabitable Earth, betitelt David Wallace-Wells seinen Bestseller von 2019, The burning planet titelt Andrew C. Scott 2018.

In anderer Weise geht Charrière dem Thema der Verwüstung nach, (Abb.4) wenn er 2016 zu den Atomwaffen-Testgeländen der USA auf dem Bikini-Atoll und zum sowjetischen Semipalatinsk in Kasachstan reist. Fotografisch dokumentiert der Künstler die von 496 Atobomben-Explosionen verwüsteten Zonen mit ihren Betonmonumenten, die als Testobjekte für die Wirkkraft der Bomben dienten. Wir erinnern uns an die weltweiten Wellen von apokalyptischer Angst vor atomaren Verwüstungen in den 50er bis 80er Jahren. Die sandgestrahlten Fotos wirken so, als seien auch die radioaktiven Verstrahlungen sichtbar geworden. Die Hitze und die Kälte, so wird bei Charrière deutlich, sind nicht nur Phänomene der Natur, sondern die Extreme unserer technischen Kultur, die aus der Natur herausgefallen ist.

Nach seinen Expeditionen in nordafrikanische Wüsten (Abb.5) findet der ZERO-Begründer Heinz Mack einen ästhetischen Kontrapunkt im arktischen Meer und in den leeren Eislandschaften Grönlands (Abb.6, Abb.7). Nirgends kann man so wie dort erfahren, was Licht und menschenleerer Raum ist. Mack setzt jene Linie fort, die in den ZERO-Jahren begonnen hatte: die Entdeckung der Valenzen des Lichts der Wüste und der eisigen Zonen der Arktis. (Abb.8) Diese können sich indes auch als Orte der Einsamkeit und des Todes erweisen. Dann werden die Räume des Schönen zu solchen der Angst und des Untergangs. (Abb.9)

Wir haben, so die Botschaft, nur die eine Erde – und über ihr: der gestirnte Himmel, der etwas anderes ist als nur ein kosmophysikalisches Objekt. Dass wir Menschen eine Nischen-Existenz im Weltraum sind, ist eine Konsequenz der kopernikanischen Wende, die Nietzsche, aber auch schon John Donne oder Blaise Pascal formulierten. Will sagen: angesichts dieser Erde irgendwo im All ist der Geozentrismus die kulturell einzig sinnvolle Option. Wahrnehmungsästhetisch bleiben wir geozentrisch und heliotrop.

Grönland, die Arktis oder Antarktis bieten niemals nur erstarrte Ansichten des Fluids Wasser in seiner überhistorischen Form, dem Permafrost. Erd- und Klimageschichte wird heute aus den Bohrkernen des sogenannten Ewigen Eises rekonstruiert. Das Eis ist ein sensibles und genaues Archiv Geschichte. Einer der Dokumentaristen der sterbenden Eisberge ist seit Jahrzehnten der Künstler Olaf Otto Becker, (Abb.10) dessen Porträts vom grönländischen Schelfeis und den Eisbergen von magischer Schönheit erfüllt sind. Doch es sind Denkmäler der Trauer. Eis ist ein sensibler Index der Erdgeschichte. Nicht nur Tier- und Pflanzenspezies verschwinden, nicht nur Landschaften verwüsten, sondern das Welteis schmilzt. Das erleben wir in einem Tempo, das im Verhältnis zu den langen Zeiten der Erde dramatisch ist. Die Fotografien der Eisberge sind Dokumente eines Vergehens. Was schmilzt, ist das Archiv der Erdgeschichte, deren Erzeugnis nicht zuletzt wir selbst sind. Mit dem schmelzenden Eis, so Olaf Otto Becker, sterben auch wir.

Pflanzen als Gestalter

Im Folgenden geht es um Pflanzen und Tiere und ihren Status in der Klima- und Ökologie-Debatte. Der erste, der ein globales Klima-Konzept und eine Pflanzen-Ökologie entwickelte, war Alexander von Humboldt. Für ihn gehören geomorphologische sowie klimatische Verhältnisse zu den formativen Bedingungen von Landschaften.  Der Punkt ist, dass Humboldt das Pflanzenkleid zu den stärksten Faktoren von Landschaften zählt. Die Pflanzen sind zwar abhängige Variablen von Klima und Wetter, Wasser, Licht, Luft, Höhenlage, Bodenbeschaffenheit, Temperatur, sowie von Ackerbau, Viehhaltung und Landkultivierung. Doch Pflanzen sind auch vernetzt mit der Tierwelt – von Mikrolebewesen über Insekten bis zu Großsäugern. Aus diesen Wechselwirkungen entwickelt Humboldt die Ideen zur Pflanzengeographie. In dieser geht es um statistische Verteilungen, aber auch um globale wie regionale Migrationen von Pflanzenarten. Oft sind Pflanzen auch Kulturfolger. Dabei wirken Pflanzen, so Humboldt, auch auf Kulturen der Menschen ein. Die Kultur der Menschen bildet sich (auch) durch die Symbiosen und sinnlichen Eindrücke, denen wir im Umgang mit Pflanzen unterliegen.

Was heißt das? Pflanzen werden nicht nur als abhängig von Umweltbedingungen, sondern auch als wirkmächtige Agenten begriffen. Das ändert das Bild der Pflanzen. Das unbeweglich scheinende Pflanzenkleid der Erde ist nur eine historische Augenblicksaufnahme globaler Migrationsprozesse. Pflanzen sind vernetzt, inner- und zwischenartlich sowie ökologisch: das macht sie zu einem autopoietischen System (wie auch das Klima ein selbstregulatives System ist). Humboldtian Science ist ein unverzichtbarer Vorläufer der Geosystemforschung. Die Gestalt der Erde ist nicht nur ein Ergebnis anorganischer Geomorphologie, sondern auch der Millionen Jahre währenden Bildungsarbeit der Pflanzen. Im Erd-Boden sind „Denkmäler der Vorzeit“ geborgen, „Grabstätten der ersten Vegetation unseres Planeten“: das ist das Gedächtnis der Natur. So gelingt es Humboldt, die Naturgeschichte als ein dynamisches System vorzustellen. Er bereitet das Konzept vor, wonach Pflanzen ein materieller und semiotischer Mitgestalter der Umwelt sind, wie dies Jakob von Uexküll in seiner Umwelt-System-Biologie entwickeln wird.

Atmosphären des Weltinnenraums

Jens Soentgen bezeichnet in seinem Buch „Ökologie der Angst“ „die Angst der Tiere vor den Menschen“ als „die Innenseite des Anthropozäns“. In das Klima der Erde ist die Angst der Tiere integriert – als Grundstimmung des Globus. Soentgen erweitert den Begriff des Klimas um die Atmosphäre der inner-und zwischenartlichen Erfahrungen. Diese werden nicht als subjektive Befindlichkeiten, sondern als objektive Empfindungen gefasst. Dies kann man eine Ökologie der Gefühle nennen. Angst und Flucht, Gewalt und Ausweglosigkeit sind Existenzbedingungen der empfindungsfähigen Lebewesen. Was hier für die Tiere konstatiert wird, gilt auch für Abermillionen Menschen. Sie gehören in die neue Ökologie der Angst im Zeitalter des „Phobozän“, wie Soentgen sagt.

„Umwelt“ und „Innenwelt“ der Tiere korrespondieren. Die Reiz- und Wirkwelt des Tieres wird durch das Furchterregende des Menschen beherrscht. Das Klima der Angst ist, mit Herder zu reden, ein „künstliches Klima“, das nicht kausal „zwinget“, sondern eine „Disposition“ darstellt, in welche die Tiere, ebenso wie Millionen Menschen, eingepasst werden.

Von den Tiefenregionen bis in atmosphärische Schichten ist die Erde – das System Gaia – und sind Tiere und Pflanzen von der Ausbeutung durch die technische Zivilisation betroffen. Die Gesamtheit der von uns verbrauchten Ressourcen, die Gesamtheit der technokulturellen Transformationen ist zu einer Größenordnung aufgelaufen, welche die natürliche Regenerationskraft der Erde übertrifft. Will sagen: die technische Maschinerie ist zum beherrschenden Faktor des Globus geworden. Sie ist dominant für das Klima, die biochemischen Haushalte des Bodens, der Meere und der Atmosphäre. Sie beherrscht die bio-physikalischen Bedingungen des Lebens wie auch die Fauna und Flora – mit katastrophalen Folgen für Biomasse und Biodiversität der Lebewesen. Es sind anthropogene Effekte, die zum sog. sechsten Massensterben geführt haben. Die Menschheit selbst ist für Gaia zur Apokalypse geworden. Daraus einen nachhaltigen Ausweg zu finden, ist äußerst dringlich, nicht nur, um das Artensterben und den Klimawandel zu beenden, sondern im eigenen Interesse: wir müssen Gaia retten, um uns zu retten. Apokalyptische Phantasien und Lösungsvorschläge gibt es zuhauf, was fehlt, ist ein starkes geopolitisches Handeln.

Die soziale Dimension des Klimawandels – Humanökologie

In die ökologische Krise ist der Mensch eingeschlossen – als Akteur wie auch als Betroffener. Die Sorge um die Zukunft der Natur und der Einsatz für soziale Gerechtigkeit in der Weltgesellschaft sind zwei Seiten einer Medaille. Die Menschheit insgesamt lebt nicht mit der Natur, sondern sie ist zu ihrem Parasiten geworden, der seinen Wirt, eben Tellus Mater, lebensgefährlich belastet.

Der Raubbau an der Erde untergräbt auch die Lebenschancen der kommenden Generationen. Dies ist die erste soziale Dimension der Umweltkrise. Die andere ist, dass die industriellen Produktionsweisen und die Reichtümer, die der Erde abgewonnen werden, zugunsten kleiner Eliten und zum Schaden der pauperisierten Massen arbeiten. Nicht einmal die Grundrechte auf ausreichende Nahrung und sauberes Wasser sind für Abermillionen von Menschen garantiert. Sie sind chancenlos oder werden in ein ungewisses Migrationsschicksal gezwungen. Verantwortlich dafür sind die ungerechte Verteilung der Güter, die Konsumkultur, die brutalen Agrarindustrien, die Zerstörung der Biodiversität, die undemokratische Konzentration von technologischem Wissen und vieles mehr. Die hochentwickelten Gesellschaften haben die vernetzte Welt der Dinge und der Natur verkürzt auf Probleme einer Technik, in der es um die Beherrschung der Erde und um die Nutzenmaximierung für menschliche Zwecke geht. Darin steckt eine tiefe Gleichgültigkeit gegenüber der natürlichen Welt. Unsere Kultur findet in der Umweltzerstörung und der Pauperisierung der Massen ihren Ausdruck.

Die Ideen zum Naturverhältnis müssen erweitert werden. Die Natur, die wir den Nachgeborenen hinterlassen, ist eine zweite, dritte, in jedem Fall: eine anthropogene Natur. Die Natur in diesem Sinn ist eine Kulturaufgabe. Natur ist nicht Physis, nicht das Beständige und der Bestand. Naturprozesse werden immer stärker in die Regime der menschlichen Kultur einbezogen. Der Klimawandel ist dafür ein Beispiel. Dabei hat sich die Natur gegenüber der Ausbeutung durch die Menschen als verletzlich und erschöpfbar erwiesen. Die unbegrenzte Resilienz, die der Erde hinsichtlich ihrer Ausbeutung durch den Menschen zugetraut wurde, war ein lange gepflegter Irrglaube, der eben diese Ausbeutung ermöglichte. Die Überzeugung, dass die Erde alle unsere Interventionen und Plünderungen durch ihre Regenerationskraft kompensieren würde, ist falsch und gefährlich. Beispiele dafür sind Energieressourcen, Pflanzen- und Tierarten, der Regenwald und anderes mehr.

Unterdessen wissen wir, dass es kein Lebewesen, keine Ressource, keine Lebensbedingung auf der Erde gibt, die nicht tiefgreifend verändert oder zerstört werden kann. Darum ist die Ökologie nur als globale politische Ökologie möglich. Wird dies ethisch gewendet, so folgt daraus die Pointe des Anthropozän-Diskurses: Nämlich die Erde, auch das Klima, wird zum Objekt der Gestaltung. Geoengineering wird zur Aufgabe der Menschheit. Aber dies gilt nur, wenn man berücksichtigt, dass Geoengineering auch die Gefahr der Hybris enthält: Technik soll die Heilung jener Zerstörung sein, in welche die Technik gerade hineingeführt hat.

Die fälschlich angenommene Robustheit der Natur gegenüber den menschlichen Aktivitäten und ihre folgenlose Belastbarkeit gegen Ausbeutung erlaubten erst jenen Typus von Technikwissenschaft und Ökonomie, dem wir folgen – vorgeblich im Dienst des Fortschritts. Dieser aber verdeckte die darin eingeschlossene Naturzerstörung. Unübersehbar wird dies heute am größten Regulationssystem, das bisher in unsere Diskurse eingegangen ist: nämlich das Klima.

Die Frage ist, ob wir Menschen uns in das klimatische System einzuordnen lernen, das wir zugleich wissenschaftlich objektivieren und womöglich technisch modellieren. Dies schließt die weitere Frage ein, ob wir, wie schon Herder forderte, „eine Klimatologie aller menschlichen Denk und Empfindungskräfte“ zu entwickeln fähig wären. Dies aber erfordert eine neue Anthropologie und in ihrer Folge: eine neue Gesellschaft, ohne die jedwede Ökosystemforschung zum Scheitern verurteilt ist.

Hartmut Böhme war 1977-92 Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Hamburg und 1993-2012 Professor für Kulturtheorie und Mentalitätsgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er leitete etliche DFG-Forschungsprojekten, u.a. als Sprecher des Sonderforschungsbereichs „Transformationen der Antike“ (bis 2012) und ist Träger des Meyer-Struckmann-Preises 2006 und des Hans-Kilian-Preises 2011.

Endzeitstimmung. Die Klimadebatte zwischen Apokalyptik und Realismus

© Hartmut Böhme

Tadzio Müller

Endzeitstimmung. Die Klimadebatte zwischen Apokalyptik und Realismus

Sehr geehrte Damen und Herren,

hiermit reiche ich meine Kündigung ein. Nach 13 Jahren als magischer Realist der Bewegung für Klimagerechtigkeit bin ich mittlerweile, angesichts der materiellen Realitäten der dauernd eskalierenden Klimakrise einerseits sowie der ständig (mit Ausnahme tiefer globaler Rezessionen) dauernd und ungebrochenen ansteigenden Treibhausgasemissionen, nicht mehr in der Lage, mich diskursiv gegen die Realität der beinahe notwendigerweise eintretenden Katastrophe zu stemmen.

Warum notwendigerweise? Nunja, lesen Sie selbst:

Vom Holozän in die Klimakatastrophe
Zuerst einmal aber die Basics: Die Bedrohung, die für die Menschheit von der treibhausgas-getriebenen Veränderung des Weltklimas ausgeht, wird durch knuddelige Begrifflichkeiten wie (das zugegebenermaßen mittlerweile fast schon ausgestorbene) Erderwärmung, aber auch das weniger falsche Wort Klimawandel viel zu sehr verharmlost. Um zu verstehen, was hier eigentlich auf dem Spiel steht, ist es hilfreich, sich zu vergegenwärtigen, dass so ziemlich all das, was wir als menschliche Zivilisation (Städtebau, Patriarchat, Kapitalismus, Schwulenszene, etc.) kennen, in einer Periode unüblicher klimatischer Stabilität stattgefunden hat: dem Holozän, während dessen das globale Temperaturmittel nicht mehr als 2 Grad vom Durchschnittswert abwich. Warum? Weil erst mit stabilen klimatischen Bedingungen sesshafte Landwirtschaft möglich wird – die Grundbedingung, ein nutritional surplus zu erwirtschaften, das die Basis jeder weiteren Gesellschaftsentwicklung ist – weil nur so klar ist, welche Gewächse angebaut werden können, wann gesät, wann geerntet werden soll.

Das globale Klimasystem ist ein sog. komplexes System, d.h. sein Verhalten ist aufgrund der großen Anzahl und Art von Komponenten und Interaktionen zwischen ihnen schwer zu modellieren und vorherzusagen. Wir wissen jedoch, dass komplexe Systeme, ganz vereinfacht gesagt, zwei Arten von Zuständen haben: stabile oder instabile. Sie tendieren zwar zu stabilen Zuständen, aber die Übergänge zwischen diesen „stabilen Zuständen (Phasenübergänge – phase shifts) sind Perioden ‚kritischer Instabilität‘, in denen das System unter großer Belastung steht. Es kann stark schwanken und chaotisches Verhalten zeigen, bevor es sich in einem neuen, stabileren Zustand einpendelt.“ (turbulence.org) Wichtig hierbei ist zweierlei: Erstens, dass diese instabilen Zustände von unbestimmter Dauer sind; und zweitens, dass völlig unvorhersehbar ist, wie der (irgendwann erreichte) neue stabile Zustand aussehen wird – z.B. ob eine derartige Erde überhaupt für Menschen bewohnbar wäre.

Würde das globale System also seinen derzeitigen stabilen Zustand verlassen, wenn das oft beschworene Anthropozän nicht nur eine neue geologische, sondern auch eine neue klimatische Phase wäre, dann wäre das ganz offensichtlich eine Katastrophe bisher (zumindest in der Geschichte der Menschheit als dominante Spezies auf diesem Planeten) ungekannten Ausmaßes: Natürlich ist Hunger in der Welt nicht per se das Resultat von Knappheit – sie ist, wie wir seit den bahnbrechenden Arbeiten von Amartya Sen wissen, das Resultat von Fehlverteilung, ausbeuterischen und ungleichen politischen und wirtschaftlichen Systemen – aber das Ende der Möglichkeit sesshafter Landwirtschaft würde eine derartige Verknappung der erhältlichen Menge an Nährwerten beinhalten, dass die daraus notwendigerweise entstehenden (oder durch sie extrem verschärften) Ressourcenkonflikte die bisherigen in z.B. Subsahara-Afrika weit in den Schatten stellen würden. Im Grunde fehlen uns die kulturellen Begriffe, um eine derartige Katastrophe darzustellen, im Wortsinne abzubilden, weil bisher nur die Dinosaurier etwas Ähnliches erlebt haben und die sind nicht auf Twitter (manche von ihnen sind noch auf Facebook, aber das ist eine andere Geschichte).

„Würde es diesen Zustand verlassen“… Jetzt also endlich zurück zum üblichen Klimadiskurs, zu Paris und 2 Grad, zu Emissionsraten und so weiter. Butter bei die Fische: Wie hoch sind die Chancen, dieses Umkippen des Klimasystems in eine Periode kritischer Instabilität, sprich, chaotischen Verhaltens zu vermeiden?

Sie kennen bestimmt das berühmte 2 Grad Limit (meistens fälschlicherweise 2 Grad Ziel genannt), das im Pariser Klimaabkommen zum ersten Mal völkerrechtlich verbindlich und trotzdem natürlich vollkommen zahnlos kodifiziert wurde. Was ein bisschen wie ein beliebig politisch gesetztes Ziel wirkt – weil 2 leichter zu merken ist, als 1,8 – hat tatsächlich eine wissenschaftliche Basis. Zwar sind die ihm zugrunde liegenden Berechnungen im Detail durchaus anfechtbar, aber die Bedeutung ist folgende: Jenseits von 2 Grad durchschnittlicher globaler Erwärmung steigt die Wahrscheinlichkeit des oben beschriebenen Kippens des globalen Klimasystems auf über 50%.

Bitte nehmen Sie Sich hier einen Moment und denken Sie ein bisschen über diese Tatsache nach: Im wirklich äußerst unwahrscheinlichen Fall (dazu gleich mehr), dass das 2 Grad Limit nicht überschritten wird, liegt die Chance, dass die Welt nicht in einen chaotischen Klimazustand kippt, bei 50%, 50/50. Das bedeutet, dass die Welt mit dem Klimasystem gerade russisches Roulette spielt – mit einer Kugel, aber nur zwei Kammern. Oder noch einmal mit einer anderen Metapher: Würden Sie in ein Flugzeug einsteigen, dessen Absturzwahrscheinlichkeit bei 50% liegt? Natürlich nicht, Sie sind ja nicht wahnsinnig oder lebensmüde. Aber genau das ist das politische Ziel, auf das sich die Weltgemeinschaft in Paris geeinigt hat. Das Pariser Klimaabkommen, gerühmt als der Moment, an dem die Welt anfing, den Kampf gegen die Klimawandel ernst zu nehmen, ist in Wahrheit kaum mehr, als der Moment, an dem die Weltgemeinschaft sagte: tja, wir wissen auch nicht so richtig weiter – aber wir hoffen mal, dass alles nicht so schlimm wird.

Und wie sieht’s derzeit aus mit unseren Chancen, beim russischen Roulette die richtige, die leere Kammer zu erwischen? Die Antwort wird Sie kaum überraschen: miserabel. Ein breit rezipiertes Paper im renommierten Wissenschaftsmagazin Nature kommt zum Ergebnis, dass „on current trends, the probability of staying below 2 °C of warming is only 5%, but if all countries meet their nationally determined contributions and continue to reduce emissions at the same rate after 2030, it rises to 26%.“ (nature.com) Also: Wenn alles so weiterläuft wie bisher, gibt es eine fünfprozentige Chance, eine 50-prozentige Chance zu haben, dass die Welt nicht mehr oder minder unbewohnbar wird. (Wer sich den Spaß machen will, einen der wenigen mittlerweile zum Klassiker gewordenen Texte über eine Welt mit 4, 5, 6 Grad Erwärmung zu lesen: the uninhabitable Earth von David Wallace-Wells kickt in der Hinsicht ziemlich. Enjoy.) Ich kann zwar wirklich keine Mathematik, but those are not good odds. Klar, da wird auch noch auf ein Alternativszenario verwiesen, dass zu einer 26-prozentigen Chance führen würde, auf/unter 2 Grad zu landen, jedoch: „we find that the probabilities of meeting their nationally determined contributions for the largest emitters are low, e.g. 2% for the USA and 16% for China.“

Scheiß-Kapitalismus
Sie fragen Sich vielleicht, warum es angesichts der wirklich katastrophalen Auswirkungen der Klimakrise – auch derer, die jetzt schon spürbar sind – keine stärkere Dynamik in Richtung Emissionsreduktion gibt, vor allem, wenn es schon seit 1997 jedes Jahr globale Klimagipfel gibt. Vor allem in den vergangenen 3-4 Jahren gab es doch nun wirklich genügend vom Klimawandel mitverursachte Katastrophen, warum wird hier nicht endlich mal heruntergefahren? Betreiben wir nicht seit Jahren, seit Jahrzehnten gar Klimaschutz?

Gute Frage. Vermutlich wissen Sie nicht einmal ganz genau, wie desaströs das mit dem Klimaschutz wirklich aussieht. Schauen Sie Sich mal diese Grafik an: Sie zeigt den Anstieg der atmosphärischen Konzentration des Treibhausgases CO₂ und setzt ihn ins Verhältnis zu Meilensteinen der globalen Klimapolitik: dem Kyoto-Protokoll, dem Pariser Abkommen und so fort. Die Kurve steigt und steigt unaufhörlich. Dellen gibt es nur zwei: in den 1970er Jahren, nach dem Ölpreisschock, und Anfang der 1990er, als die Wirtschaft des Ostblocks kollabierte. Keinerlei Auswirkung haben die eben genannten Klima-Abkommen. Alles, was Sie bisher für Klimapolitik gehalten haben, von den UN-Klimagipfeln über den Emissionshandel bis hin zum Kohleausstiegsgesetz, hat keinerlei messbare Effekte erzielt.

Mit anderen Worten: Klimapolitik findet nicht statt, denn es sind nicht wirklich die bewussten Entscheidungen einzelner Regierungen, welche die globale Emissionsentwicklung treiben, sondern eine ganz andere, und von keiner einzelnen, auch keiner hypothetischen (Welt-)Regierung kontrollierbare Variable: das globale Wirtschaftswachstum. Wächst die Wirtschaft, gibt’s mehr Emissionen. Schrumpft die Wirtschaft, wird weniger emittiert. Punkt. Und obwohl Politikerinnen und Regierungen zwar immer wieder behaupten, sie könnten das Bruttosozialprodukt steigern, ist dem nicht so. Das globale Wirtschaftswachstum als Variable stellt sich, in den Worten eines klugen Menschen, hinter dem Rücken der politischen und wirtschaftlichen Akteure her. Scheiß-Kapitalismus.

Das Problem der Klima(un-)gerechtigkeit
Und als ob die Situation nicht schon verzwickt genug wäre, wird globaler Klimaschutz noch weiter dadurch erschwert, dass das Klimaproblem eines ist, das nicht die gesamte Welt gleich betrifft: Wir sitzen eben gerade nicht alle im selben Boot, weil diejenigen, die am wenigsten zum Problem beigetragen haben, ceteris paribus am meisten darunter leiden – und umgekehrt. Die Klimakrise ist also gleichzeitig eine der größten Gerechtigkeitskrisen, vor der die Menschheit jemals stand, weil die an der Klimakrise Leidenden also by and large die globalen Armen sind, während diejenigen, die von den Prozessen profitiert haben, welche die Klimakrise verursachen, ebenso by & large diejenigen sind, die sich mit den so akkumulierten Ressourcen vor den Auswirkungen der sie privilegierenden Lebens- und Produktionsweise schützen können.

Wir brauchen also nicht bloß nationalen Klimaschutz, wir brauchen globale Klimagerechtigkeit, was erstens dramatische Reduktionen der den Klimawandel verursachenden Treibhausgasemissionen bedeuten würde, und schon dies extreeeem schwierig, wie das hiesige Kohleausstiegsdebakel (wer glaubt, dass ein deutscher Ausstieg aus der überschmutzigen Braunkohle im Jahr 2038 irgendwie relevant ist, sollte… sich halt mal informieren, for fuck’s sake) deutlich gezeigt hat. Denn: Emissionsreduktionen gibt es eigentlich nur, wenn wirtschaftliche Aktivität reduziert, dreckige Wirtschaftssektoren geschleift werden, und das heißt natürlich: weniger Mehrwert, weniger Jobs, weniger… Wohlstand. Jedoch: kaum jemand im globalen Norden, auch nicht unter den nominellen Kämpfer*innen für die Verdammten der Erde, der gesellschaftlichen Linken, ist der Meinung, dass der materielle Lebensstandard hierzulande wirklich sinken sollte, denn – because, you know: miracles do happen, and pigs do fly – irgendeine magische Technologie (Erdgas! Wasserstoff! Geoengeneering! Something!) wird das Problem schon so lösen, dass außer den 1% niemand irgendeine materielle Verschlechterung erfahren würde. Denn sonst kann es ja keine Mehrheiten für den Klimaschutz geben und natürlich kann, actually: darf in einer Demokratie des globalen Nordens nichts gegen den Willen der Mehrheit geschehen, sei dieser auch noch so standortnationalistisch, rassistisch oder einfach brutal ignorant.

Zweitens bräuchte es dafür massive globale Umverteilung, denn der im globalen Norden akkumulierte Reichtum entstand aus Prozessen, die die Atmosphäre derartige zugemüllt haben, dass andere jetzt kaum noch Platz haben, den selben oder einen ähnlichen ressourcenintensiven Entwicklungspfad einzuschlagen. Radikaler Klimaschutz im Sinne von Emissionsreduktionen im globalen Süden hat also zur Vorbedingung, dass aus dem globalen Norden, Pi mal Daumen, um die 6% des jährlichen BIP in den Süden umverteilt werden. (Cochabamba working group) Wenn das mit den paar Arbeitsplätzen in der Braunkohle (max. 20.000) schon ein Hindernis war, das den Kohleausstieg 20 Jahre in die Zukunft verschoben hat… Nunja, dann können Sie sich vorstellen, wie eine politische Diskussion darüber aussehen würde, 6% des Volkseinkommens ins Ausland zu schicken.

Vom Ende der Magie
Genau an diesem Punkt würde jetzt normalerweise die emphatische Bewegungsstory anfangen: „Regierungen und kapitalistische Großkonzerne werden keinen Klimaschutz machen – wenn die Rettung des Klimas kommt, dann wird sie von unten kommen, von den Bewegungen!“ Ich nenne das magischen Bewegungsrealismus, weil es tatsächlich beinahe unmöglich ist, dass wir die Dynamik des Umkippens des Klimasystems noch umkehren können. Ich würde mal sagen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass wir den Klimakollaps verhindern können, irgendwo im unteren Promillebereich liegt.

Jedoch argumentieren linke Intellektuelle und Bewegungsaktivist*innen seit spätestens 1968, dass das Besondere an sozialer Bewegung darin liege, dass sie in der Lage seien, die Grenzen des Möglichen zu verschieben, während Regierungen und Parteien sich innerhalb dieser Grenzen mühen müssten. Auf der Basis dieser intellektuellen Taschenspielertricks, oder auch dieses aktivistischen Zauberspruchs, agitiere ich seit 13 Jahren durchs Land und durch die Lande, habe die Anti-Kohle und Klima(gerechtigkeits)bewegung in Deutschland und Europa mit aufgebaut, und meine zunehmende Angst vor dem kommenden Kollaps – der by the way keine Apokalypse sein wird, denn eine Apokalypse „traditionally understood, is an end, but one that occurs with the important addition of revelation, a ‘lifting of the veil’ which in turn constitutes a conception of ‘a beyond’. In that sense it is different from catastrophe, which is an end without escape, removal, or road leading to a world beyond.“ – abmoderiert.

Dann sind wir krachend gescheitert. Kohleausstieg 2038? Fuck that! Unter den gegebenen Bedingungen eine Bestandsgarantie für die Kohle. Das Klimapaket? Bullshit. Globaler Klimaschutz? Fehlanzeige.

All das bedeutet: Ich kann nicht mehr zaubern. Die Katastrophe kommt bestimmt. Ich habe nicht mehr die Kraft, der Bewegungsonkel mit Zuständigkeitsbereich Hoffnung zu sein. Ich habe keine Lust mehr, die selben Debatten über  grünes Wachstum zu führen, die wir schon vor zehn Jahren gewonnen haben. Auch eher kulturwissenschaftliche Fragen wie „Klimadebatte zwischen Apokalyptik und Realismus“ gehen mir mittlerweile am Arsch vorbei.

Die Katastrophe kommt. Enjoy. Ich geh jetzt meinen neuen Partner und Master bedienen. Den zum Orgasmus zu verhelfen kann ich wenigstens schaffen, ohne mir Bullshit einzureden. Und es macht mehr Spaß.

See you all in hell.

Tadzio Müller ist ein queerer Politikwissenschaftler, lebt in Berlin und arbeitete dort bis vor kurzem als Referent für Klimagerechtigkeit bei der Rosa Luxemburg Stiftung. Er ist seit 12 Jahren in der Klimabewegung aktiv, seit 30 Jahren Linker, und versucht seit 2016, beiden zu erklären, wie ihre Politik mehr Sexappeal entwickeln kann.

Endzeitstimmung. Die Klimadebatte zwischen Apokalyptik und Realismus

© Tadzio Müller

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