CASINO QUÉBEC

Video-Gespräche, Materialien
Mit Sonja Finck, Frank Heibert, Heather O’Neill, Louis-Karl Picard-Sioui, Rodney Saint-Eloi, Gesine Schröder, Sherry Simon, Cornelius Wüllenkemper

DIE LANGE NACHT

Nach der Expedition »Cities of translators Montréal« im vergangenen Mai setzen TOLEDO und LCB die Erkundung der québecischen Literatur fort. Die lange Nacht auf drei Bühnen in der Veranstaltungsreihe »Casino« wird nun zur virtuellen Tour de Québec. Sonja Finck, Frank Heibert und Cornelius Wüllenkemper nehmen den Gesprächsfaden auf – erweitert um eine Materialsammlung von Fernbegegnungen, Stadterkundungen und Essays.

Literatur aus dem Reservat – Fiktion und Wirklichkeit „echter Indianer“ im heutigen Québec
Sonja Finck und Frank Heibert geben erste Einblicke in ihr TOLEDO-Journal rund um die Übersetzung des Panoramaromans »Stories aus Kitchike – Der große Absturz« (erscheint im Verlag Secession) von Louis-Karl Picard-Sioui und führen ein Gespräch mit dem Autor.

Minderheiten in Québec und ihre Literatur
Der Journalist Cornelius Wüllenkemper führt ein Video-Gespräch mit dem Montréaler Autor Rodney Saint-Eloi, Gründer des Verlages Mémoires d’encrier, sehr profiliert u.a. in der indigenen Literatur sowie der Literaturszene haitianischen Ursprungs.

The Lonely Hearts Hotel« von Heather O’Neill – anglophone Literatur in Québec
Sherry Simon, Autorin des Buches »Cities in Translation« (Routledge, 2011), spricht mit Heather O’Neill über ihre Erfahrungen als anglophone Autorin in Montréal und ihren Roman »The Lonely Hearts Hotel« (HarperCollins Publishers, 2017) sowie mit Gesine Schröder, die das Buch für den Aufbau-Verlag übersetzt.

Ein Programm von TOLEDO und LCB, im Rahmen von »Cities of translators – Montréal«. In Zusammenarbeit mit der Vertretung der Regierung von Québec.

Literatur aus dem Reservat – Fiktion und Wirklichkeit „echter Indianer“ im heutigen Québec

 

Im Gespräch

 

Louis-Karl Picard-Sioui

»Was die Québecer Literatur betrifft, so kenne ich sie kaum. Das Gebiet, in dem ich mich auskenne, ist die »Autochthone Literatur«. Aber ich bewundere die Québecer Dichter·innen sehr, die es schaffen, das Universum zu dekonstruieren und wieder aufzubauen, um mit Schönheit und Gefühl tiefe und ungeahnte Bedeutungen daraus hervorzubringen. Die frankokanadische Lyrik verdient es ohne Zweifel von der ganzen Welt entdeckt zu werden, egal, ob sie quebecisch, franko-ontarisch oder akadisch ist.«

Der aus Wendake stammende Louis-Karl Picard-Sioui ist Schriftsteller, Dichter, Performer und Kurator für visuelle Kunst. Er ist auch Mitbegründer und Direktor von Kwahiatonhk!, der einzigen kanadischen NPO, die sich ganz der Förderung der frankophonen Literatur der Premières Nations widmet. Seit 2005 hat er zahlreiche Werke der Belletristik, Kinderliteratur und Lyrik veröffentlicht. Sein vierter Gedichtband, »Les visages de la terre« , wurde 2019 bei Éditions Hannenorak veröffentlicht. Derzeit entwickelt er verschiedene Projekte in seiner fiktionalen Welt von Kitchike, darunter eine zweite Sammlung von Kurzgeschichten und ein Theaterstück.

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Copyright: Hélène Bouffard

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»Ich bin in Wendake, das ist gut 250 km von Montréal entfernt. Unsere Realitäten sind sehr unterschiedlich.« Louis-Karl Picard-Sioui

 

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»Ein Dépanneur, das ist so etwas wie der kleine Tante-Emma-Laden des Viertels. Oft ist das einfach ein Ort, wo die Einheimischen sich treffen, weil man sich eben über den Weg läuft.« Louis-Karl Picard-Sioui

Sonja Finck

Montréal als »City of translators«

»Seit Abgesandte der französischen Monarchie im 16. Jahrhundert den Sankt-Lorenz-Strom hinauffuhren und das Gebiet kolonisierten, auf dem sich heute Montréal befindet, koexistieren dort verschiedene Sprachen: die Sprachen der lokalen indigenen Bevölkerungen, die der beiden großen europäischen Kolonialmächte und die der verschiedenen Einwander·innengruppen, die seit Ende des 19. Jahrhunderts dazukamen. So kann man heutzutage in den Straßen Montréals Französisch und Englisch, Jiddisch und Chinesisch, Innu und Inuktitut, Arabisch und Deutsch, Spanisch und Kreol hören. Die Einwohner·innen Montréals wechseln im Alltag oft selbstverständlich zwischen ihren verschiedenen Sprachen hin und her. Wobei man nicht vergessen darf, dass es auch immer ein Machtgefälle zwischen den Sprachen gibt, einen Kampf darum, wer in welcher Situation welche Sprache sprechen kann oder nicht sprechen darf. Gleichzeitig ist Montréal eine Metropole des Literaturübersetzens; in keiner anderen kanadischen Stadt leben und arbeiten so viele literarische Übersetzer·innen. Das alles macht Montréal für mich zu einer „City of Translators“, vor allem aber auch zu einer aufregenden und lebenswerten Stadt.« Sonja Finck

Die Faszination für Québecer Literatur

»Literatur aus Québec macht mich glücklich, weil sie die ganze Bandbreite meiner Interessen und Vorlieben abdeckt: Stadtleben und Wildnis, historische Tiefe und soziale Utopien, Identitäts- und Geschlechterfragen, Auseinandersetzungen mit Kolonialismus und Rassismus, Spiel mit der Sprache, Verschriftlichung von Mündlichkeit und, und, und. Die acht Autor·innen aus Québec, die ich bisher ins Deutsche übersetzt habe – Jocelyne Saucier, Wadji Mouawad, Gabrielle Roy, Louis-Karl Picard-Sioui, Naomi Fontaine, Christian Guay-Poliquin, Sophie Bienvenu und Ryad Assani-Razaki –, stehen für jeweils ganz unterschiedliche Erzählweisen, historische Momente, sprachliche Gestaltungsmittel und inhaltliche Schwerpunkte. Ich hatte das große Glück, mir all diese Autor·innen selbst aussuchen zu können, was ja in meinem Beruf nicht immer der Fall ist. Und natürlich übersetzt man Bücher, auf die man selbst gestoßen ist und bei denen man beim Lesen gedacht hat: »Wow, das würde ich gern ins Deutsche bringen«, besser als welche, die man als reine Auftragsarbeit erledigt (obwohl auch da manchmal wahre Schätze dabei sind!).« Sonja Finck

Sonja Finck, geb. 1978, lebt in Berlin und Gatineau (Kanada) und übersetzt Romane und Theaterstücke. Sie hat an der Universität Düsseldorf literarisches Übersetzen studiert und u.a. Annie Ernaux, Jocelyne Saucier, Wajdi Mouawad, Kamel Daoud und Naomi Fontaine ins Deutsche übertragen. Für Fever von Leslie Kaplan wurde ihr 2006 den André-Gide-Preis verliehen, für Der Geruch von Häusern anderer Leute von Bonnie-Sue Hitchcock erhielt sie 2017 den Deutschen Jugendliteraturpreis. 2020 wurde sie für ihr Gesamtwerk mit dem Eugen-Helmlé-Preis ausgezeichnet, Frank Heibert hielt die Laudatio.

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Copyright: Véronique Soucy

Frank Heibert

Auf Entdeckungsreise

Wie »Kitchike« nach Deutschland kam

»Als ich anfing, darüber nachzudenken, welches Sammelsurium an Halbwissen ich über die Indigenen Nordamerikas – »die Indianer« – irgendwo hinten links im Gehirn angehäuft hatte, musste ich kopfschüttelnd lachen. Da war, natürlich, ganz viel Karl-May-Romantik unterwegs (nie auf der Seite der weißen Trapper!), Bilder von mehr oder weniger kommerzialisierter, verkitschter Folklorekunst, Zelte, Federschmuck, Friedenspfeife, die Linguistenmär vom nicht vorhandenen Zeitgefühl der Hopis (inzwischen widerlegt), aber auch das Grauen des Genozids: die durch Kriege und Krankheiten, Landraub und Zwangsumsiedelungen, Alkohol und systematisch verweigerte Existenzchancen in der Eroberergesellschaft bis zur Unkenntlichkeit veränderten, verstümmelten Überreste alter, vielschichtiger, selbstbewusster Kulturen, von denen ich nur wusste, dass es sie so nicht mehr gab. Das passte alles hinten und vorne nicht zusammen, aber ich hatte mir nie die Mühe gemacht, mich genauer damit zu beschäftigen (anders als bei der Auseinandersetzung mit dem Holocaust, der aus der Gesellschaft meiner direkten Vorfahren heraus organisiert worden und mir deshalb als zu studierendes Verbrechen mahnend und verpflichtend näher war).

Québec hat viele kulturelle Schichtungen, im historischen Ablauf und auch in der heutigen Lebenswirklichkeit. Im Rahmen des Seminars »Québecfranzösisch«, das ich im Mai 2019 für den Deutschen Übersetzerfonds in Montréal leitete, gab es neben der DÜF-typischen intensiven Textarbeit auch ein reichhaltiges Kulturprogramm, organisiert von der sechs Monate pro Jahr in Québec lebenden Kollegin Sonja Finck. Endlich Gelegenheit für einen genaueren Einblick in die indigenen Literaturen Québecs. Da sind Texte zu entdecken, die in einer der indigenen Muttersprachen geschrieben sind (in Québec allein ein knappes Dutzend), meist jedoch auf Französisch oder Englisch. Sie weisen viele Unterschiede auf, aber auch Berührungspunkte, von denen der größte die Unterdrückungs- und Diskriminierungserfahrung sein dürfte.

Ein besonders spannender Termin war der mit dem Verleger Daniel Sioui, einem Wendat aus einem Reservat in der Nähe von Québec-Stadt, Wendake. Er stellte seinen Verlag Hannenorak mit einem rein indigenen Programm vor, das aus Prosa, Lyrik, Büchern mit Legenden und Mythen sowie Kinder- und Jugendbüchern, Sachbüchern und Comics besteht. Ein engagierter Kulturkämpfer, ein Grassroots-Geschäftsmann. Es machte Spaß, ihm zuzuhören, seinem Blick zu folgen.

Sioui hält der Abwertung und Unterdrückung durch die Weißen den Reichtum der indigenen Kulturen entgegen, stellt sich energisch gegen den politischen, kulturellen und alltäglichen Rassismus. Das nachfolgende Gespräch drehte sich unter anderem auch um die Problematik der Benennungen in den verschiedenen Sprachen – zum Beispiel klingt das französische Wort »indigène« in den Ohren der Betroffenen biologistisch und somit unangenehm, während wir die Meinung vertraten, dass »indigen« im Deutschen unbelastet klingt und weniger sperrig als »autochton«; dann fiel uns auf, dass in dem antirassistischen Diskurs, der großen Wert auf respektvollen sprachlichen Umgang legt, die Nachfahren der Kolonialisten pauschal als »les blancs«, also »die Weißen«, bezeichnet werden (was man als Spieß-Umdrehen im politischen Kampf einer Minderheit durchaus nachvollziehen kann). Es war erfrischend, bei diesem Verleger neben der Anprangerung der jahrhundertelangen Ungerechtigkeit ein konstruktives, in die Zukunft denkendes Selbstbewusstsein zu spüren.

Dann präsentierte er einen Titel aus seinem Verlagsprogramm genauer, »Chroniques de Kitchike«, Geschichten aus einem fiktiven Reservat, und er las ein paar Abschnitte daraus vor. Der Ton des Autors, Louis-Karl Picard-Sioui, hatte in seiner Direktheit etwas Unwiderstehliches, hier war sofort zu hören, dass eine No-Bullshit-Schnauze die Dinge beim Namen nennt, damit sie nicht länger so bleiben. Sonja Finck und ich wechselten einen Blick. Besprachen uns kurz, besorgten uns das Buch zum Prüfen. Falls es uns insgesamt so gut gefiele wie dieser Auszug, wollten wir das zusammen nach Deutschland bringen und auch zusammen übersetzen.

Wir waren beide sehr angetan. Wir formulierten ein Gutachten, übersetzten zwei Passagen, zwei Stimmen aus dem Panorama der Reservatsbewohner – erste Fassung, Kommentare, neuerliche Kommentare, es ging fünf, sechs Mal hin und her, bis wir mit allem zufrieden waren –, und machten uns dann ans Brainstorming, in welchem Verlag wir uns jetzt, Juni 2019, diesen Titel zum Kanada-Schwerpunkt vorstellen konnten. Auf der Longlist standen 16 Verlage. Es ging alles relativ schnell – bei vielen war das Programm für Herbst 2020 schon dicht, manche hatten schon »etwas Indigenes« gemacht oder geplant (wenn auch etwas ganz anderes oder aus dem Englischen), oder sie trauten sich nicht zu, einen so »speziellen“ Titel zu lancieren. Zugreifen mochte keiner, aber uninteressant fand das Buch auch keiner. Das war dann doch irgendwie ermutigend.

Und dann kam es auf der Buchmesse 2019 zu einem Gespräch mit Christian Ruzicska vom Secession Verlag, beim Québec-Empfang am Dienstag vor der Messe. Diesem Verleger hatten wir den Vorschlag erst gar nicht geschickt, weil wir wussten, dass er in seinem kleinen Verlagsprogramm schon drei Romane aus Québec für den Herbst 2020 geplant hatte. Da ich einen Titel davon, »Totalbeton« von Karoline Georges, bereits für ihn übersetzen sollte, da ich wusste, dass er ein Begeisterungstäter mit einem unglaublichen Riecher ist und da wir gerade so schön am Reden waren – erwähnte ich das Projekt »Kitchike« dann doch. »Nach der Messe unbedingt schicken!«, sagte er sofort. Und im November war das Ganze beschlossene Sache. Flankiert von drei weiteren, sehr unterschiedlichen Romanen aus Québec, die allesamt Solitäre ihrer Art darstellen, wird »Stories aus Kitchike – Der große Absturz« nun in einem großartigen, engagierten Verlag erscheinen. Und Louis-Karl und Daniel freuten sich auch darüber, bei einem geistesverwandten kleinen couragierten Pendant gelandet zu sein.

Die Übersetzung ist im Fluss, die Mails zwischen Sonja und mir gehen in schnellem, fruchtbarem, erquicklichem Pingpong hin und her – und es ist gut, die schwungvolle Energie eines solchen Buches gegen die teilweise einsickernde Lähmung und Entmutigung der Coronakrise zu setzen. Zumal Louis-Karl dem ersten Kitchike-Buch, »Der große Absturz«, ein zweites und drittes folgen lässt. Für uns alle kann die Entdeckungsreise also weitergehen.« Frank Heibert, Berlin

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Montréal als »City of translators«

»Québec ist durch seine Geschichte und seine Gegenwart eine besonders spannende Weltgegend – ein riesiges Flächenland mit großformatiger Natur, vergleichsweise dünn besiedelt, dies aber mit Menschen aus der ganzen Welt. Die zahlreichen indigenen „Ersten Nationen“ mit ihren unterschiedlichen Sprachen und Kulturen wurden von den französischen und britischen Kolonialisten ähnlich verdrängt, enteignet und ausgebeutet wie in anderen Kolonien auf der Welt, doch seit dem späten 20. Jahrhundert hat langsam ein politisches Umdenken begonnen. Mit und nach den Kolonialisten fanden weitere Migrationsbewegungen hierher statt, so dass heute eine Vielzahl von Sprachen und Kulturen zu finden sind, die (zumindest von außen betrachtet) erstaunlich gut miteinander leben. In der größten Stadt Québecs, Montréal, verdichtet sich dieser aufregende Mix; das ständige Wechseln und Hin- und Her-Übersetzen zwischen mehreren Sprachen gehört zum Alltag: Hier wird das Kosmopolitische ganz natürlich gelebt, ohne die eigene kulturelle Identität zu vergessen. Dies zeigt sich auch in der Kultur, vor allem in Literatur und Theater. Die meisten Autor∙innen schreiben in einer der beiden Landessprachen (Englisch und Französisch), aber nicht nur. So ist Montréal, als kultureller Leuchtturm Québecs, eine Stadt voller Übersetzer∙innen – und auch für Übersetzer∙innen, wie uns.«

Die Faszination für Québecer Literatur

»Zwar weiß die Literatur Québecs auch den internationalen Mainstream zu bedienen, doch darüber hinaus bringt sie immer wieder besonders eigenwillige Texte hervor. Da werden vielschichtige Stadtpanoramen aufgefaltet, in bewusster, selbstverständlicher Unübersichtlichkeit. Andere Texte atmen die Nähe der (eher extremen, Respekt einflößenden als idyllisch-romantischen) Natur, ihre Weite, auch ihre Gnadenlosigkeit. Wieder andere strahlen einen grimmigen, zuweilen deftigen Humor aus, der mit der Lage Québecs als frankophoner Enklave auf dem nordamerikanischen Kontinent zu tun hat (quasi der »Effekt des gallischen Dorfes«). Gleichzeitig beeinflusst der hegemoniale Druck, der vom Englischen ausgeht, das moderne, insbesondere das gesprochene Québecfranzösische in animierender, hochinteressanter Weise. Sprachlich wie inhaltlich sind mir diverse Texte begegnet, bei denen ich dachte: Das kann nur aus diesem Land, aus Québec kommen – was in der Masse ‚globalisierter‘ Literatur gar nicht so häufig vorkommt.« Frank Heibert

Frank Heibert, Berlin, geb. 1960, Literatur- und Theaterübersetzer aus dem Englischen, Französischen, Italienischen und Portugiesischen sowie Dozent, Autor, Kritiker, Jazzsänger. Übersetzungen: ca. 100 Romane und Erzählbände, 10 Sachbücher und 110 Theaterstücke, u. a. Werke von Don DeLillo, Richard Ford, George Saunders, Lorrie Moore, William Faulkner, Raymond Chandler, George F. Walker, Boris Vian, Raymond Queneau, Marie Darrieussecq, Yasmina Reza, Michel Marc Bouchard, Karoline Georges u.v.a. Zahlreiche Ehrungen, zuletzt Straelener Übersetzerpreis 2017 (zusammen mit Hinrich Schmidt-Henkel).

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Foto: privat

Minderheiten in Québec und ihre Literatur

Der Journalist Cornelius Wüllenkemper im Gespräch mit dem Montréaler Autor Rodney Saint-Éloi, Gründer des Verlages »Mémoires d’encrier«, sehr profiliert u.a. in der indigenen Literatur sowie der Literaturszene haitianischen Ursprungs.

Im Gespräch

 

Rodney Saint-Éloi

Rodney Saint-Éloi ist ein haitianisch-kanadischer Dichter. Er wurde zweimal für den Preis des Generalgouverneurs für französischsprachige Poesie nominiert: 2013 für »Jacques Roche, je t’écris cette lettre« und 2016 für »Je suis la fille du baobab brûlé«. Geboren und aufgewachsen in Cavaellon, Haiti, zog er 2001 nach Montreal. 1991 war er Mitbegründer des haitianischen Verlags Éditions Mémoire und hat Gedichtbände veröffentlicht, darunter »J’avais une ville d’eau, de terre et d’arc-en-ciel heureux« (1999), »J’ai un arbre dans ma pirogue« (2003) und »Récitatif au pays des ombres« (2011). Außerdem leitet er den Verlag »Mémoire d’encrier», den er 2003 in Montreal gegründet hat.

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Copyright: Étienne Bienvenu

»Ich denke, die echten Milliardäre von heute, das sind diejenigen, die über Milliarden von Gedichten verfügen.«
Rodney Saint-Éloi

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Cornelius Wüllenkemper

»Die Literatur aus Quebec spiegelt wie sonst nur selten den historischen Prozess einer doppelten Kolonisierung: Die Quebecer behaupten sich mit ihren Texten gegen die anglophone Mehrheitsgesellschaft Kanadas. Zugleich fordern indigene Autor·innen die lang verschwiegene Geschichte ihrer Gemeinschaften und ihr eigenes kulturelles Erbe gegenüber der quebecischen Mehrheitsgesellschaft ein. Diese Dynamik zeigt, dass niemand ohne Geschichte existieren kann. Die Literatur ist ein fundamental wichtiges Instrument zur kulturellen Selbstbehauptung.« Cornelius Wüllenkemper

Cornelius Wüllenkemper arbeitete als Redakteur bei Radio France Internationale und beim europäischen Medienportal des Courrier International, presseurop.eu. Seit 2015 ist er als literarischer Übersetzer (Frz.-Dt.) und als freier Journalist tätig. Er rezensiert v.a. frankophone Literatur für das Deutschlandradio und die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Ein langjähriger Schwerpunkt seiner Arbeit ist Haiti, ein Land, das er regelmäßig bereist. In seinen Reportagen untersucht er, wie die Geschichte in der Kultur der Gegenwart weiterlebt und welche Geschichte sich die Menschen (selbst) erzählen. Seine Reisen führten ihn unter anderem nach Ruanda, Guadeloupe, Libanon, Türkei, Weißrussland, Kosovo, Ukraine und Georgien. 2019 besuchte er Quebec im Rahmen der Expedition „Cities of translators Montréal“.

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»The Lonely Hearts Hotel« von Heather O’Neill – anglophone Literatur in Québec

 

Im Gespräch

 

Heather O’Neill

Heather O’Neill schreibt Romane, Kurzgeschichten, Gedichte und Drehbücher und ist zudem als Journalistin und Essayistin tätig. Sie wurde in Montreal geboren, verbrachte einen Teil ihrer Kindheit im Süden der USA und lebt inzwischen wieder in Kanada. Ihr Debüt, »Lullabies for Little Criminals«, gewann 2007 Canada Reads und stand auf der Shortlist für den renommierten Orange Prize. In Kanada war das Buch ein Sensationserfolg, und auch international wurde es zum preisgekrönten Bestseller. In der Presse wurde Heather O’Neill als eine der einflussreichsten Frauen Kanadas gefeiert. Zuletzt erschien ihr Roman »The Lonely Hearts Hotel« (HarperCollins Canada, 2019), der gerade von Gesine Schröder für den Aufbau Verlag übersetzt wird.

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Sherry Simon

»In Montreal zu leben bedeutet, sich täglich mit den unkontrollierbaren Folgen von Übersetzung auseinanderzusetzen: mit dem Gewinn, den sie bedeutet, und dem Verlust, der mit ihr einhergehen kann, mit den unterschiedlichen kulturellen Absichten, die damit transportiert werden und ihren manchmal verstörenden Auswirkungen.«
Sherry Simon in »Der dritte Raum von Montreal«

Sherry Simon schreibt umfassend über Sprache und Erinnerung in Städten von Montreal bis Barcelona, Triest, Kalkutta, Lemberg und Czernowitz. Nach ihren preisgekrönten Publikationen »Translating Montreal« (2006) und »Cities in Translation« (2012) veröffentlichte sie kürzlich »Translation Sites. A Field Guide« ─  eine Erkundung von Orten (Hotels, Märkte, Gärten, Denkmäler), deren Bedeutungen von einem Aufeinanderprallen von Geschichte und Sprachen geprägt sind. Sie ist Mitglied der Royal Society of Canada und der Académie des lettres du Québec. Sie lehrt an der Französisch-Abteilung der Concordia University.

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Gesine Schröder

Montréal als »City of translators«

»Mir ist die Stadt der Übersetzer·innen zuletzt als Gegenstand der Übersetzung begegnet. In Heather O’Neills Träume aus Papierschnee (von mir für den Aufbau Verlag ins Deutsche übertragen) ist Montreal mehr als eine materielle Kulisse. Die von der Autorin prägnant herausgearbeitete Topografie – die Stadt als Insel im Sankt-Lorenz-Strom; die Villen der Reichen an den Hängen des Mont Royal und das innerstädtische bunte Treiben zu ihren Füßen; der Hafen als Einfallstor ins Vergnügungsviertel  – wird von einer weiteren, sprachlichen Dimension überlagert.

O’Neills Protagonisten, Rose und Pierrot, sind Grenzgänger zwischen den beiden größten Sprachgemeinschaften der Stadt. Ihre Herkunftslosigkeit – sie sind Waisenkinder – befähigt sie nicht nur, mühelos zwischen englisch- und französischsprachigen Stadtarealen, Situationen oder Gesprächspartnern hin und her zu wechseln, sondern die beiden tragen auch zur Auflösung allzu klarer Grenzen bei. In O’Neills Roman lässt sich erahnen, dass es in Montreal gemeinsames Terrain gibt – einen sprachenübergreifenden Wortschatz, zu dem französische Verwünschungen ebenso dazugehören wie englische Kraftausdrücke und der französisches Küchenvokabular so selbstverständlich absorbiert hat wie englische Songzitate.

Doch in welcher Stadt befinden sich Rose und Pierrot eigentlich, wenn sie die „Saint Catherine Street“ entlangspazieren? Auf den Straßenschildern vor Ort ist schließlich „Rue Sainte-Catherine“ zu lesen. Zum Handlungszeitpunkt des Romans war die Beschilderung dagegen zweisprachig, und dieser historische doppelte Stadtplan existiert bis heute weiter. Ob man sich auf dem einen oder dem anderen bewegt, ob man von der Avenue du Parc zum Mont Royal aufblickt oder von der Park Avenue den Mount Royal betrachtet, ist offensichtlich ein Unterschied, und das gibt mir als Übersetzerin zu denken. Montreal ist eine Stadt der Überlagerungen, der Übernahmen und Hybridisierungen, eine Herausforderung für und eine Einladung an unsere Zunft.« Gesine Schröder

 

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Sainte-Catherine. Copyright: Anja Kootz

Gesine Schröder

Gesine Schröder ist als Reisende zur Übersetzerin geworden. Nach langen Aufenthalten in den USA, Australien, Indien, England und Kanada lebt sie in Berlin und erkundet die literarischen Welten von Autor·innen wie Jennifer DuBois, Philip Reeve und Louise Erdrich.

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