LCB

Rolling Seventies

Ursula Krechel

Rolling Seventies

Muss ich polemisieren? Will ich eine Heerschau halten, weinen, anklagen, schimpfen, mit dem nackten Finger auf an-gezogene, an-ziehende, an-maßende Männer zeigen, die sich für das Maß aller Dinge hielten? Ich wollte, seit ich schreibe, und will weiter auf dem Papier, in den Zeilen und dazwischen einfach tun, was ich für richtig halte. Ja, auch in Ruhe gelassen werde bei meinem Tun. Und trotzdem möge es doch ein aufgespanntes Netz unter meinem Seil geben – oder zumindest einen erreichbaren Notarzt, wenn ich herunterpurzele. Tauche ich in mein Archiv (und auch in meine Erinnerung) sehe ich, wie in den 1970er Jahren geholzt wurde, mit Eiswürfeln geschossen und häufig auch routiniert gezielt wurde. Das tat weh. Ich erinnere mich an ein Verlagstreffen, bei dem eine Auseinandersetzung über ästhetische Positionen zwischen einem Autor der Wiener Gruppe und einem sogenannten engagierten Autor fast in einer Prügelei geendet hätte. Wie viel subtiler die Auseinandersetzungen geworden sind.

In Sammelbesprechungen von Lyrikbänden wurde zunächst einmal die Frau ad acta gelegt, um dann zum bedeutsameren Teil überzugehen. Flurbereinigung. Marktbereinigung, Ellenbogen herausgefahren, hier komme ich. Fallen, Gefallen, Gefälltwerden. Nicht der Täter ist schuld, das Opfer hat sich ihm eben unklugerweise ins Blickfeld gestellt. Sei doch nicht so empfindlich, sagt der mindere Romanautor zur Lyrikerin, der der Wörtermund offenstehen bleibt. Empfindlichkeit für Töne, Empfindlichkeit für Rhythmen, auch für klirrende Zusammenstöße, Empfindlichkeit für die Zeit, ihre Vergangenheit und ihre zukünftigen Möglichkeiten — ich sage hier nicht: utopischen Möglichkeiten, doch ich wünschte mir, es sagen zu können. Wünschte es im Imperfekt und auch im Konjunktiv. Utopie – ein Fremdfremdfremdwort aus den siebziger Jahren, im Schatten der Topoi des dystopischen Denkens der Gegenwart.

Ein Stipendium erst nach dem vierten Buch, keine Preise, Auftritte waren ungleich  seltener als heute: Evangelische Studentengemeinden, Kneipen mit Wort-Anschluss und Zapfhahn oder die Einladung als schmückendes Beiwerk, eine Bewährungsprobe. Zustimmung kam von den Literaturredakteuren im Rundfunk, einer hieß Jürgen Becker, der andere Rolf Haufs, wiederholt baten sie um 30 Minuten Gedichte, selbstverständliche Mäzene, als die öffentlich-rechtlichen Anstalten ihren Kulturauftrag wörtlich nahmen und angemessen honorierten. Zustimmung kam auch von einem Taschenbuch-Verlag, der eine erweiterte Neuausgabe meines ersten Lyrikbandes herausbrachte. Doch, ich erinnere mich auch freudig an ein Lyrikfestival in einem Fährhaus in Hamburg, Menschenmassen wie bei einem Pop-Konzert, das Fährhaus wurde kurz danach abgerissen. Heute müssen Autorinnen vom ersten Buch an mit denen, die ein langes Leben lang veröffentlicht haben, Schritt halten, konkurrieren, sich „professionell“ gebärden, Interviews geben, ihr eigenes Reisebüro führen, ihre Sekundärtugenden pflegen. Ich unterschätze die Arbeit, die ihnen zugemutet wird, nicht, auch nicht die immense Beschleunigung, die Notwendigkeit, sich nach außen zu wenden, ja, zu stülpen, unter steter Beobachtung der Stipendiengeber, Juroren, zu stehen und die Bitternis, möglicherweise schnell verschlissen zu werden oder schon verschlissen worden zu sein. Auch SchriftstellerInnen wachsen nach; der Markt ist gefräßig, und es geht ja irgendwie.

Es gab kaum Orte des Nachdenkens über Poetologie. Seit wann gab es hier im Literarischen Colloquium den „Tunnel über der Spree“, vielleicht seit Anfang der achtziger Jahre? Doch hier stand das einzelne Werk, die Detailaufnahme im Vordergrund. Und was folgt daraus? Was ist jetzt, was ist literarische Gegenwart? Das Feld ist offen, auf eine irritierende Weise demokratisiert, enthierarchisiert. Aus Nischen sind Lounges geworden, in die Netzwerke strömen schillernde Fische, an den zugigen Bahnsteigkanten stehen Agenten und Agentinnen und stecken den Reisenden Visitenkärtchen und Platzkarten für den Literaturbetrieb zu. Wir leben in der besten der möglichen Welten. Hoppla, wir leben noch. Ad multos annos!

 


 

Woraus besteht die Gegenwartsliteratur? Unsere Reihe im Rahmen von »Neustart Kultur« fragt: Woraus ist die deutschsprachige Gegenwartsliteratur gemacht, aus welchen Materialien, Gegenständen und Ideen besteht sie, aus welchen Stoffen gewinnen Texte heute ihre Kraft? Mehr Infos zur Veranstaltungsreihe hier.

Dieser ›Stoff‹ ist Teil von »Stoffe: Zeitgeist« zum 60. Geburtstag der Zeitschrift »Sprache im technischen Zeitalter«.

Materialsammlung »Stoffe«

Rolling Seventies
360