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Mörtel

John Sauter

Mörtel

Die Rotoren haben uns trockengefächert. Das Haus uns eingepresst. Zwischen den Wänden. Ein Herbarium. K.’s Augäpfel stehn still. Mörtelblüten rieseln drauf. K blinzelt nicht. Kopf zur Decke. Die vibriert. In jeder Etage stampfen sie zum Takt. Das ist lange keine Musik mehr, denke ich. Schaue K an. Das hört jetzt nicht mehr auf. Hier im Herbarium, im Mörtelstaub, wo alles nach grauer Playstation 1 klingt.

Der Sozialarbeiter aus den 90ern ist rasiert, trainiert / Straßenkampf, Ellenbogen, Kindersitze, Antifa-Nachwuchs auf dem Bolzplatz. Der DruffiPunk aus den 00ern hat einen Blick, der selbst hier drin im besetzten Haus die Straße hinunterführt. Und ich? Sehe schon wieder so aus, wie ich immer aussehe, sagt K, redet plötzlich. Oder schon die ganze Zeit? Über die Mörtelblüten auf dem Display. Die schmecken wie grauer, kalter Putz, der in der Kehle verklumpt und hinunterkieselt.

Im Wischraum vom Kiosk / vor einer Stunde oder zwei oder drei / legt K ewig Verschnittnes / auf den Fliesen der Toilette begegne ich den Schriftzeichen mir bekannter Dämonen, Schatten und Schachttierchen, auch QuasiHeilige sind dabei / Krypta, Baldachin, Chorgewölbe, ich weiß es nicht, aber wir beten / in Vokalen und Konsonanten / K.’s Zahnlücke, die ich schon immer süß fand, geht mir nicht aus dem Blick, das leichte Lispeln nicht aus dem Ohr. Solange wir eine Geschichte zu erzählen haben, gibt es hier Freibier für uns.

Am KioskTresen sagt T, jetzt komm schon, legt noch was auf das rissige Telefon / kann nicht aufhörn zu fragen und redet selbst die ganze Zeit. Die Geschichten spielen zwischen dem Mörtel, der das Viertel verfugt, den gestoßnen Boden bildet, auf den man fällt, fällt, immer wieder fällt. Doch der Mörtel, ja die MörtelHeimat, macht eben nicht nur süchtig, sondern lässt einen auch weich aufschlagen, der Kopf wird nur angestoßen, sacht fast, etwas irrer steht man wieder auf, mörtelt weiter, auf dass die Stadt diesmal eine andere ist. Doch nur man selbst hat sich verändert. Die Stadt nie, bleibt gleich, wächst nur vertikal, OK es wird etwas dunkler, aber sonst gehn wir doch die gleichen Straßen?!, Wege, Gassen, sagt K, und T nickt / wir dann raus, losgeschnitten vom ZapfNabel.

Im Nachtbus / ist man unfreundlich, nicht nur zu den Ausländern. Manche der Insassen der fahrenden Anstalt geben vor, noch zur Arbeit zu wolln, zur Schicht / in ein paar halben Stunden und nach zweistelligen Bierschüttungen. HaltetDieSchnauzeWirKriegenEuch-Rufe hallen uns hinterher.

Die Tür zischt, die Schlangen fahren davon, eingereiht / lecken wir ein wenig aneinander herum. K sagt, dort der Hof, das Tor ist offen. Und schmeckt im Dunkel nach KaugummiKirsch. Hinterher versuch ich mir, das Viertel aus den Augen zu wischen. K flüstert, das macht keinen Sinn, du bleibst sowieso hier. Es ist 2021, 22, 23, der MörtelStaub in der Luft / weil in dieser Stadt niemand stillstehn kann. Da werden Beine zu Presslufthämmern, oder was meinst du? K, he, K, bist du noch da? Schau mal hoch! Die Hüllen von schwebenden Walen, dazwischen die alten Straßenbahnen und Nachtbussen, die ausgemustert und ins All geschossen wurden / mit all den verrückten Insassen drin, wie Weltraumtiere, die Knöpfe drücken, ja genau die Halteknöpfe, K! Aber nichts passiert in der Weltraumkapsel, das Experiment lange vergessen. Aber jetzt kommen sie wieder / fragen: habt ihr uns vermisst!?!?. Rauschen hernieder, rutschen aus den Frühsternen / die knarrenden Gelenkbusse, die klingelnden HalteGlöckchen, die schweren TramWaggons, die man früher zum SchneeRäumen einsetzte, pflügen jetzt durch den Staub, kommen näher, näher. Näher! Duck dich.

An die Box ran. Wir fluppen und flippen und fächern wie Pilze / auf der Tanzfläche. Wie wir hergekommen sind, K weißt du’s? Waaaaaas, fragt K, drückt mir einen Kuss auf die Wange. Der wird ganz heiß, der Kuss. K.’s Schuhe leuchten, sind Batterien drin, die leuchten wirklich! Gehn die Treppe hoch. Die Geländer: lange heiße DrachenKörper, mit dampfenden, schnaubenden Enden / NasenNüsternRachenRaffZähne / werden Feuer spucken / Stufe um Stufe. Im besetzten Haus sind neue Plastikfenster. Schmelzen die jetzt, K, schmelzen die?? Draußen schon Tag, he? Ein Wort von einer Frau am Kickertisch isoliert mich, kühlt mich ab, vergessen sind die Drachen. Jemand hält mir Sand unter die Nase. Ich strecke die Zehen aus. Ein illegales Taxi flummert neue Super Marios heran. K sagt, he kuck mal!, SuperMarios, und SuperMarias, K grinst, faltet BetHände vorm Gesicht / die Zahnlücke / die Vokale, die Konsonanten, das Lispeln, wo ich schmelz / ein bisschen.

Nach dem Pogo holt jemand neuen MörtelStaub / WeiterMusik / Durch die Bassflächen kann ich es hören. Über uns. K, hörst du’s auch? Die Lemuren-Katzen legen sich im Morgenmatt auf den Wellblechdächern in Position. KlackKratzKlack. Bald ist es so weit / Und sie werden uns..

Der Hard-Tech-DJ hat ernsthafte Probleme. Probleme haben einen Hard-Tech-DJ. Wir sind die Probleme, falls du das nicht kapierst. K und ich reden in Gedanken miteinander. Das kommt vom Beten, in den Krypten, vor den Tresen, die Gewölbe, und so weiter. Das Pissbecken hat jemand bis zum Rand mit Scheiße gefüllt. Kurzer Szenenapplaus. Wir müssen los, sagt K. Mülltonnen schalllern vorm Bäcker, Licht greift nach uns. K, dort in den dunklen Waggon hinein, sonst..

Eine verlassne Kirche / sie steht am Ende eines Berges, weit überm besetzten Haus / oben am Rand des Tals. Wir sehn wie der Staub in die Stadt hinab rieselt. Ich bilde mir ein, dass die dichten Kronen der Bäume etwas damit zu tun haben. Hier im Vulkan, ist es still. Ich lege die Hände zusammen. Blicke in die Spitzbögen der Fensteröffnungen. Von den scharfen Kanten brennt der Blick. Auch K geht eine Träne / übers Gesicht. Ob eine Kerze / angezündet werden darf / fragt K. Für die Oma / die damals / lange vor den Leuchtschuhn / war das. Danach gehn wir raus.

Von hier ist alles zu sehn. Hinterm Wildzaun schaut ein Wildtier der stillen Autobahn nach / Die durch einen Tunnel aus der Stadt führt. Das Wildtier gibt Signal. Die anderen horchen auf, sammeln sich. Es dauert nicht mehr lange.

Wir können das Blitzen und Knacken fühln / in den Gliedern fühln / in den Augen, in den Händen, K.’s Stirn ist ganz kalt. Wir sagen unterm saftigen Mond, dass sich alles ändern müsste / lutschen das Weiß vom Weltall herunter, bis nur noch schwarzer Schlamm bleibt. Wir werden ohnmächtig / unter dem Druck / ein Loch in der Sonne / nennen wir Nacht. Wir schließen das Morgen aus / es ist nur noch Jetzt / in unseren Gedanken / in unseren Gesten / ist Mörtel / knarrt in den Gelenken / werden wir schon nach oben geschossen? / Weltraumschrott? / Nein, K, sag, dass wir stehen, bitte sag es!, auf der Mörtelerde, die über die ganze Gegend sich zieht, selbst hier an der Kante zum Tal.

Neben uns

Trappeln die Hufen der Tiere

Schon zum Signal.

 


 

Woraus besteht die Gegenwartsliteratur? Unsere Reihe im Rahmen von »Neustart Kultur« fragt: Woraus ist die deutschsprachige Gegenwartsliteratur gemacht, aus welchen Materialien, Gegenständen und Ideen besteht sie, aus welchen Stoffen gewinnen Texte heute ihre Kraft? Mehr Infos zur Veranstaltungsreihe hier.

Dieser »Stoff« ist Teil von »Stoffe: Eukalyptische Mörtelkometen«.

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