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Hosen

Angela Steidele

Hosen

© Greta Garbo in Queen Christina, 1933

Als Greta Garbo 75 Jahre alt wurde, lief im Fernsehen einer ihrer Filme. Eigentlich wollte ich (12) lieber lesen; unschlüssig stand ich in der Wohnzimmertür. Nach einem wilden Galopp rannte eine schlaksige Gestalt in Stulpenstiefeln eine Freitreppe hoch, zwei Stufen auf einmal, und eilte durch eine Burg. Ich zum Sofa. Einstellung im Profil, der schwarze Hut verdeckt das Gesicht, von dem Spurt hebt sich ihre Brust. Meine auch. Endlich nimmt sie den Hut ab – und es ist um mich geschehen. Später im Film küsst Königin Christine ihre Hofdame auf den Mund, und die Stubenmagd in einem Landgasthof hätte gern etwas mit ihr. In der ikonischen Schlussszene segelt sie nach ihrer Abdankung allein, frei und erhobenen Hauptes in eine ungewisse Zukunft.

Meine Zukunft sollte darin bestehen, nach und nach zu entschlüsseln, was ich soeben gesehen hatte. Im Leben wie im Schreiben. Mein erstes Buch widmete ich der Liebe zwischen Frauen als Stoff in der Literatur der Goethezeit. Als zweites schrieb ich die Biographie einer Frau in Männerkleidern. Weitere Bücher über intellektuelle Lesben ante verbum folgten. Ästhetische Fragestellungen durchdrangen dabei stets die historische Recherche. Ob Hollywood 1933, Yorkshire 1833 oder Weimar 1813: Wie sag ich Unsagbares? Keine Schule des Ästhetischen lehrt zärtlicher, subtil zu sprechen, als the love that dares not speak its name (Shakespeare).

Dabei eiere ich mein ganzes Leben um den eigentlichen Stoff herum. In Los Angeles, New York und Stockholm suchte ich schon die Häuser auf, die Greta Garbo bewohnte. Streifte in Uppsala durch das trutzige Schloss, in dem Christina 1648 abdankte, wohnte in Rom neben ihrem Palazzo und pilgerte zu ihrem Sarkophag im Petersdom. Herausgekommen ist dabei noch nichts. Gibt es Stoffe, die einfach zu groß sind, um bewältigt zu werden? Welcher Stoff? Ikonen? Widerspenstige? Nervensägen? Worin unterscheiden sich Stoff, Motiv und Inspiration?

Aus welchem Stoff Greta Garbos Hosen als Königin Christine waren, weiß ich auch immer noch nicht.

 


 

Woraus besteht die Gegenwartsliteratur? Unsere Reihe im Rahmen von »Neustart Kultur« fragt: Woraus ist die deutschsprachige Gegenwartsliteratur gemacht, aus welchen Materialien, Gegenständen und Ideen besteht sie, aus welchen Stoffen gewinnen Texte heute ihre Kraft? Mehr Infos zur Veranstaltungsreihe hier.

Dieser »Stoff« ist Teil von Eröffnung »Stoffe« | Stoffe #1.

Materialsammlung »Stoffe«

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© Greta Garbo in Queen Christina, 1933

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