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Hausfrau

Daniela Dröscher

Hausfrau

© Martha Rosler, Semiotics of the Kitchen, 1975

Lange Zeit dachte ich, das Leben einer Hausfrau wäre kein literaturwürdiger Stoff. Die alltäglichen Handgriffe – die Routine aus Kochen, Waschen, Putzen – und v.a. das dazugehörige Bewusstsein erschienen mir nicht erzählenswert. Von wegen. „Das Schwierigste ist, das Denken der Frau zu erfassen, das um den Irrwitz des Haushalts kreist“, notierte Marguerite Duras einmal. Woher also meine Scheu vor dem Stoff? Auch in meiner Lesebiographie kamen Hausfrauen anfänglich gar nicht selten vor; in Grimms Märchen etwa waren sie sogar allgegenwärtig, ebenso auch in den Jugendbüchern von Christine Nöstlinger. Dann aber verschwanden diese Lebensrealitäten aus meinen Erwachsenenlektüren. Der Dreck, die Mühsal, die Sorge-Arbeit tauchten – wenn überhaupt – nur im Augenwinkel auf und waren überdies zumeist auf die Zwillingsformel „Hausfrau und Mutter“ reduziert. Ich musste erst Feministin werden und sehr bewusst nach Hausfrauen in der Literaturgeschichte Ausschau halten, um sie zu finden: bei Virginia Woolf, Marlen Haushofer, u.a. Und es musste noch mehr Zeit vergehen, damit ich den Stoff transgressiver fassen konnte, jenseits der Assoziationen eines frei gewählten Verzichts auf Erwerbstätigkeit oder einer binären Geschlechterordnung. „Wir müssen uns eingestehen und offen sagen, dass wir alle Hausfrauen sind“, fordert Silvia Federici, und „wir“ bedeutet: alle, wirklich ALLE, die unsichtbare, unentlohnte Haus- und Sorge-Arbeit leisten. Was tun? Schließe ich die Augen, sehe ich sie vor mir: Die Hausfrau des 21. Jahrhunderts hält in der einen Hand den kampfbereiten „Toffee-Hammer“ der Suffragetten, in der anderen ein Rezept für eine fürsorglichere Ökonomie.

 


 

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Dieser »Stoff« ist Teil von Stoffe #2.

Hausfrau

© Martha Rosler, Semiotics of the Kitchen, 1975

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