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Gips

Thorsten Krämer

Gips

Als ich zehn Jahre alt war, verbrachte ich den Sommer mit einem Gipsbein. Der Umstand, dass in diesem noch mein richtiges Bein steckte, war mir zumeist nicht präsent, nur manchmal erinnerte mich ein plötzlicher, heftiger Juckreiz daran. Weil ich so jämmerlich schwach war, dass ich nur wenige Schritte auf Krücken gehen konnte, wurde eigens ein Rollstuhl für mich organisiert. Wenn ich darin saß, rakte das Gipsbein vor mir in die Welt wie der Klüverbaum eines Segelschiffs. So fuhr ich mit meinen Eltern in den Sommerurlaub.

In der Pension, in der wir untergebracht waren, hielt sich eine Familie mit einem Mädchen in meinem Alter auf, mit der ich mich anfreundete. Ich sah sie meist nur abends, da sie tagsüber mit ihren Eltern Ausflüge unternahm. Wir spielten dann Schach in dem kleinen Aufenthaltsraum, den sonst niemand der Gäste nutzte. Am Abend vor ihrer Abreise reihten wir Partie an Partie, bis schließlich mein Vater (oder ihrer?) dem Ganzen ein Ende setzte.

Einmal fuhr ich mit dem Rollstuhl in den Graben. Das linke Rad war etwas schwergängiger als das rechte, weswegen die Wendekreise des Rollstuhls unterschiedlich ausfielen. Als ich auf einem Feldweg umkehren wollte, schlug ich aus Versehen den größeren Wendekreis ein und bemerkte es zu spät. Kurz dachte ich, ich würde kopfüber auf die Wiese geschleudert, wie ein Stabhochspringer; aber dann reichte es schon, die Position des Gipsbeins leicht zu verändern, um die Hebelwirkung zu neutralisieren.

 


 

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Dieser ›Stoff‹ ist Teil von »Stoffe: Leben – Stadt – Körper«.

Materialsammlung »Stoffe«

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