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Geist und Zeitgeist

Ulla Lenze

Geist und Zeitgeist

Es klingt nach einer ernsten und ehrenvollen Aufgabe, den Zeitgeist zu erfassen: ›Zeit‹ und ›Geist‹ – große Begriffe. Tatsächlich hat mich als Schreibende die Kategorie ›Zeitgeist‹ nie interessiert – weder den Zeitgeist literarisch zu fassen, noch mit dem gewählten Stoff und der Form sich am Zeitgeist zu orientieren.
Ebenso wenig war für mich als Leserin relevant, ob der Zeitgeist perfekt getroffen oder wiedergegeben wurde. Wenn unter den Büchern, die ich las, ein gutes war, das für seine Gegenwärtigkeit gelobt wurde, war das wahrscheinlich nicht der Grund, weshalb es mir gefiel.
Und doch geistern, wie ein fraglos absoluter Wert, immer wieder Bescheinigungen von Aktualität durch die Werturteil-Floskeln: „Buch der Stunde“, „nah am Zeitgeist“, „perfekte Durchdringung der Gegenwart“, der Autor sei „ein Zeitgeistbeobachter“ oder von der „unmittelbarsten Gegenwart“ werde erzählt. Ich gebe zu, als einem meiner Romane einmal eine „enorme Gegenwärtigkeit“ nachgesagt wurde, fühlte ich mich geschmeichelt, wobei ich versichere, dass es gar nicht in meiner bewusssten Absicht gelegen hatte, gegenwärtig zu sein. Ich hatte andere Kriterien: die Sprache, den Rhythmus, die Struktur, die Form. Stoffe interessieren mich immer nur im Moment ihrer künstlerischen Transformation. Entsprechend wähle ich meine Romanlektüren auch nicht nach Stoffen und Themen aus, sondern nach der Intensität ihrer Sprache, mit der sie die Wirklichkeit aufladen und diese in ihrer Komplexität zeigen und zulassen.

Dem Zeitgeist scheint allein durch seine scheinbare Aktualität bereits Relevanz zuzukommen, entsprechend erschaffen die Nachrichten neue und aktuelle Themen nicht selten durch Zuspitzung und Verkürzung. Niemand kann die Relevanz des Jetzt anzweifeln: Schließlich befinden wir uns in der Gegenwart, wir sind das Gegenwärtige, wir sind unsere Zeit – mit diesen Annahmen kann man nichts falsch machen und entsprechend wird gefühlt jede zweite Buchbesprechung in einen Gegenwartsbezug verankert, sofern nicht bereits der Klappentext das getan hat.
Als ebenso ehrenvoll gilt es, in die Vergangenheit zu blicken, wenn sich ein Bezug zum Heute herstellen lässt. Ich gebe zu, ich habe das mitunter in Interviews bedient (man wird durch suggestive Fragen ja auch verleitet und alle sind kurz glücklich) und ich werde das womöglich auch in Zukunft so handhaben – es ist von der Sache her auch nie gelogen – nur weiß ich, dass mir beim Schreiben jeder Wunsch, aktuell zu sein, eher fern lag.
Ist dieser Aktualitätsfetisch vielleicht selber ein Symptom des heutigen Zeitgeistes? Durch die mediale Revolution werden wir stets in ein unmittelbares Jetzt gestürzt, in ein ununterbrochenes, mit jedem Herunterwischen der Screen aktualisiertes Pseudo-Jetzt. Zumindest entsteht dadurch ein diffuses Gefühl von Neuheit, weil dieses Jetzt hergewischt wird und durch die stetige Erneuerung eines Feeds uns auch wieder entwischt. Ist das vielleicht ein Ausdruck unseres Zeitgeistes, und auch, dass er nach sich selbst verlangt, einer ständigen Bezugnahme zu dieser leeren, sich selbst entwischenden Mitte?

Zeitgeist wäre damit nicht nur etwas, dem ich möglicherweise meine Stoffe ablauschen könnte (was ich nicht tue, aber was theoretisch eine Möglichkeit darstellt), oder auf den hin ich kalkulierend schreibe (das versuche ich, nicht zu tun) – möge mein Schreiben dem Zeitgeist gefallen –, sondern der Zeitgeist ist auch etwas, das mich bedrängt, das sich an mich als Schreibende herandrängt. Ich trage ihn in der Hosentasche in Form des Smartphones, der Zeitgeist ist ein Bewacher, er ist ›woke‹, er ist ›alert‹ – er ist der große Andere in Onlineform, und er macht mir auch ein bisschen Angst. Der Zeitgeist ist womöglich auch hier in diesem Moment, wo alles, was ich sage, zeitgleich woandershin gestreamt wird, an einen Ort, wo wir nicht sind – das alles ist jener Zeitgeist, der sich an mich herandrängt.

Wie eingangs gesagt, sind ›Zeit‹ und ›Geist‹ zwei gewichtige Begriffe, und doch kommt es im Zeitgeist zu einer Kollision zwischen dem Begriff ›Geist‹, der, zumindest im romantisierenden Klischee, gern in Opposition zur drangsalierenden Materie gebracht wird (selbst im Kerker kann der Geist frei sein, usw.). Als ›Zeitgeist‹ wird nun der Geist in ein Kollektiv gesperrt. Was ihn ausmacht, das Moment der subjektiven Freiheit, des Transzendierens misslicher Lagen, verliert er an einen kollektiven Geist. Sofern er sich damit identifiziert – etwa wie mit Hegels Weltgeist, der von Ferne im Begriff ›Zeitgeist‹ anklingt –, wird das in Ordnung sein; als der in der Geschichte sich entfaltende objektive Geist. Aber das setzt eine Menge Metaphysik voraus.

Ich wollte eigentlich immer ausbrechen aus dem Zeitgeist – sowohl in meinem Alltag als auch in meinem Schreiben. Ich habe Zeitgeist als etwas einengend kollektives empfunden, im Gegensatz zu einem – wie utopisch auch immer – freien, individuellen Geist, der unabhängig ist von Strömungen, Meinungen, Moden. Das literarische Schreiben ist für mich mit einer Vorstellung von Unbestechlichsein verknüpft (zumindest für die Dauer des Schreibens). Es will weder eine Mode bedienen, noch einer Verpflichtung nachkommen. Es steht ihm gleichzeitig frei, das alles dennoch zu tun.
Den Zeitgeist zu kennen, das versteht sich von selbst – man muss ja wissen, wovon man wegschreibt, oder hinschreibt, oder mit Adorno gesprochen, man muss den Materialstand kennen. Auch wenn es solche Momente im Schreibprozess gibt, fällt ein Werk nicht vom Himmel; in der Regel wurde Vorarbeit geleistet, eine Auseinandersetzung mit der eigenen Zeit, Wirklichkeit, mit gesellschaftlichen Themen oder mit sich selbst – man ist ja ein Produkt der Zeit.

Gleichwohl, obwohl wir alle so etwas wie den Zeitgeist spüren, bleibt stets diffus, was der Zeitgeist konkret jeweils ist. Herder, auf den der ›Zeitgeist‹ begriffsgeschichtlich zurückgeführt wird, stellt entsprechende Fragen: „Ist er ein Genius, ein Dämon? Oder ein Poltergeist, ein Wiederkommender aus alten Gräbern? Oder gar ein Lufthauch der Mode, ein Schall der Äols-Harfe? Man hält ihn für Eins und das Andere.“

Mit dem heutigen Zeitgeist, wie ich ihn empfinde (zumindest unter seinem Aspekt der Selbstreferentialität), verliert sich manchmal auch das Verständnis, was literarische Texte sind, was diese von funktionalen Texten unterscheidet, größer gesagt: überhaupt, was Kunst ist. Der Raum ästhetischen Erlebens scheint sich – vielleicht auch nur vorübergehend – zu verkleinern, er scheint überlagert zu werden von den stets lauteren und schnelleren Stimmen, die oft mehr am Urteilen als am Verstehen und Erfahren interessiert sind. Das ist keine neue Erkenntnis, und ich bin nicht die erste, die das formuliert – aber im Kontext unseres Themas scheint mir die Pointe die, dass der aktuelle Zeitgeist, wie kein anderer, sich selbst will, statt sich selbst anders zu werden: Sich auf Fremdes, auf Anderes wirklich einzulassen. Denn das hieße, sich wegführen zu lassen von sich selbst, auch in etwas nichtdiskursives, das primär ästhetisch wirkt. Ich glaube, dass wir Autorinnen und Autoren hier aufpassen müssen, nicht einem falschen Relevanzdruck nachzugeben. Die Frage, was ist wirklich relevant, was ist wirklich wichtig, darf nicht von Außen gestellt werden, sondern muss sich aus der Sprache, aus dem Werk heraus entwickeln. Den Zeitgeist zu spüren und vor seinem Hintergrund zu schreiben, das wird ohnehin nie ausbleiben; aber es sollte stets versucht werden, ihm Geist entgegenzusetzen.

 


 

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Dieser ›Stoff‹ ist Teil von »Stoffe: Zeitgeist« zum 60. Geburtstag der Zeitschrift »Sprache im technischen Zeitalter«.

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