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Dreck

Shida Bazyar

Dreck

Beim Fegen bleibt immer dieser eine verdammte Rest übrig. Mit jedem weiteren Handgriff am Kehrblech wird er zwar kleiner, aber er bleibt. Dreck ist Widerstand. Sobald man Menschen als Dreck bezeichnet, sie wie Dreck behandelt, sie an die Ränder der Städte und Gesellschaften absetzt, gibt es Widerstand. Er ist winzig, aber er nervt.

Es zählt zu den Paradoxien unter den rassistischen Narrativen, dass Menschen, die ausgiebige Hygienevorkehrungen schon vor einer Pandemie internalisiert hatten, weitläufig als dreckig und stinkend markiert werden. Als Autorin interessiert mich nicht so sehr der Denkfehler, sondern viel mehr die Kraft, die in so einem Paradox liegt. Was genau das heißt, das weiß ich selbst nicht. Ich verfange mich ja selbst in all diesen Paradoxien, wer bin ich denn überhaupt, um über arme Menschen zu schreiben, über geflüchtete Menschen zu schreiben; ich meine, ich habe sogar einen Staubsaugroboter. Mein Schreiben über marginalisierte Gruppen ist ein Fegen und Kehren und immer bleibt da der letzte Rest Dreck, der mir sagt, das funktioniert so nicht, das funktioniert allein deswegen schon nicht, weil die Leute, die das, was du schreibst, bewerten, eben nicht die Ausgestoßenen sind, die mal deine Nachbar:innen waren. Sie sind viel mehr Zoobesucher:innen in deiner Literatur, sie lechzen nach deinem Erfahrungshorizont und loben ihn so lange, bis er droht, für sie gefährlich zu werden. Dann sagen sie sowas wie „Sozialkitsch“ und drehen sich weg.

Doch widerstandsfähig wie der Dreck ist auch das dreckige Schreiben. Bis ich es nicht geschafft habe, den Geruch aus bestimmten Wohnungen zu beschreiben (und ich scheitere täglich daran und es macht mich fertig), werde ich diesen Stoff nicht loslassen, mich keinem anderen zuwenden. Auch, wenn ich mir hinterher ständig öffentlich die Hände waschen muss.

 


 

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Dieser »Stoff« ist Teil von Stoffe: »Drei Kameradinnen«.

Materialsammlung »Stoffe«

Dreck
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