LCB

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Marko Martin

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Die im Wohnzimmer abgestellte leere Lieferservice-Box. (Sollte ihr Stoff, ihre Farbe/Aufschrift/Größe beschrieben oder nicht besser verschwiegen werden – falls irgendjemand, Chef, Kollege oder einer/eine aus der Kundschaft, wider alle Wahrscheinlichkeit ausgerechnet die LCB-Website anklickt und alsdann stutzig würde?) Die im Wohnzimmer abgestellte leere Lieferservice-Box, darauf diagonal die runde Batterie des E-Bikes, das unten vor dem Haus an einen der Trottoirbäume gekettet ist. Die sich über Box und Batterie türmenden Firmen-Logo-T-Shirts, Jogginghosen, Slips und weißen Socken: Inder Brasilianer Pakistaner Polen Ukrainer Äthiopier auf dem Weg zur Dusche ins Bad. Sind nach Spätschicht-Ende nun keine Lieferanten mehr, sondern smarte DatingApp-Nutzer, no time to waste. Haben Namen (die hier nicht zu nennen wären) und Gesichter (die ebenfalls jenseits der Beschreibung bleiben müssten, außer eben dieser: die ungeheure Schönheit souveräner Renitenz). Erzählen – nachdem auf Couch und Bett all das getan ist, wofür die Apps nun einmal installiert worden sind – in bestgelauntem Spott von all jenen bis Mitternacht zu Beliefernden, die sie Berlin-Mitte-Pack nennen: Ungeduldig das Bestellte nachprüfende Männer. Schwule Singles hinter FFP2- oder Latex-Masken, mitunter geradezu aggressiv Berührungen erbittend, Geldscheine in der Hand. Mitleidig blickende Hipster, herrisch auf ankumpelnd-cool machende Manager-Typen. Seltsam verzwergt wirkende nickelbebrillte Familienväter. Zänkische oder auch sehnsüchtig blickende Frauen, biodeutsche Kinder mit internationalen Vornamen im Schlepptau. Oder ebenfalls Singles, in solchen Fällen dann ab und zu mit durchaus fordernd vorgetragenen Wünschen, die ebenfalls über Food-Delivery hinausgingen, lol. Erzählen von all dem, prusten vor Lachen und Detailfreude, Rastignacs in spe. Und immer wieder, bei Drinks und Zigaretten, diese einträchtig ausgestreckten Mittelfinger in Richtung all jener Pikiert*innen, die solches irgendwann lesen könnten und sich dann womöglich wiedererkennen, auf einmal zu Stoff geworden, in der Box solcher Geschichten.

 


 

Woraus besteht die Gegenwartsliteratur? Unsere Reihe im Rahmen von »Neustart Kultur« fragt: Woraus ist die deutschsprachige Gegenwartsliteratur gemacht, aus welchen Materialien, Gegenständen und Ideen besteht sie, aus welchen Stoffen gewinnen Texte heute ihre Kraft? Mehr Infos zur Veranstaltungsreihe hier.

Dieser ›Stoff‹ ist Teil von »komm in den totgesagten park und schau: Cruising als kulturelle Praxis«.

Materialsammlung »Stoffe«

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