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Benn

Gert Loschütz

Benn

Wenn ich heute in Gottfried Benns Ausdruckswelt blättere, in Dieter Wellershoffs Phänotyp dieser Stunde, in Helmut Uhligs Gottfried Benn oder in Walter Lennigs Benn-Monographie, alles Taschenbuchausgaben aus den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, bin ich verblüfft über die zahlreichen Unterstreichungen und Anmerkungen am Rand, die bezeugen, mit welchem Eifer und welcher Ernsthaftigkeit ich die Bücher durchgearbeitet habe.

Was war es, das mich, den damals sechzehn-, siebzehnjährigen Schüler, so für Benn einnahm, daß ich mich sogar noch in die Welt Rönnes oder des Phänotyps hineinzuversetzen suchte, die ja mit meiner Gymnasiastenwirklichkeit nicht das geringste gemein hatte? Natürlich vor allem die Begeisterung für die Gedichte, die auf die Prosa abstrahlte, aber es war, wie mir klar wird, wenn ich die Unterstreichungen heute sehe, noch mehr: Die melancholische Weltverachtung Benns, die Vergeblichkeitsgeste, sein Bekenntnis zum Nihilismus, sein Bestreiten jeglichen Sinns in der Geschichte, der hochfahrende Ton, mit dem er Modeerscheinungen geißelte, der Hohn, den er über Kleingeister ausgoss – das war etwas, das bei mir nach der Entwurzelung durch die Flucht von Ost nach West und dem Tod meiner Mutter auf offene Ohren stieß und sich mit der Verachtung des Heranwachsenden für das Enge, Biedere, Hohltönende der Kleinstadt, in die wir geraten waren, aufs Beste verband.

In diese Zeit fallen erste eigene Schreibversuche, in denen ich meiner Lebensenttäuschung Luft machte, schwarze Verse, hinter denen keine politisch-moralische Empörung steckte, sondern eine existenzielle, die sich, wie kurze Zeit später dann geschehen, problemlos gegen die politische eintauschen ließ. Auch wenn Benn und Brecht Antipoden waren, lässt sich sagen, daß der eine dem anderen (bei mir jedenfalls) den Weg bereitete. Andererseits war es nicht der politische Brecht, den ich als Schüler liebte, sondern der von Baal und Dickicht der Städte, der Expressionist, der denselben Kleinbürgerhass pflegte wie der zwölf Jahre ältere Benn .

Gab es schon damals eine Irritation bei der Lektüre Benns? Nein. Seine wütende Traurigkeit entsprach mir ganz und gar. „Latscht nicht auf dem Blut von Chopin herum“, war ich jederzeit bereit, jemandem an den Kopf zu werfen. Im Sommer, auf dem Weg zum Schwimmbad, spukte mir „Einsamer nie als im August“ durch den Kopf: „Wo alles sich durch Glück beweist / und tauscht den Blick und tauscht die Ringe / im Weingeruch, im Rausch der Dinge – / dienst du dem Gegenglück, dem Geist.“

Gegenglück, das war’s, wovon ich mich heimgesucht sah, Geist war’s, was einsam und frei machte. Nicht weniger als Rilkes „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr …“ liebte ich: „Und dann November, Einsamkeit; Tristesse, / Grab oder Stock, der den Gelähmten trägt – / die Himmel segnen nicht nur die Zypresse, / der Trauerbaum, steht groß und unbewegt.“ Auch „in meinem Hause hingen keine Gainsboroughs“ und, so jung ich war, so viele Verluste glaubte ich verzeichnen zu müssen, auf die ich mich, wie von Weitem, zu schauen verpflichtet fühlte: „Nun alles abgesunken / teils-teils das Ganze / Sela Psalmende.“

Bis heute fallen mir diese und andere Zeilen ein, noch immer kann ich Gedichte auswendig, wie das wunderbare Chopin, oder würde sie mit etwas Zeit zusammenstoppeln können. Und doch ist Abstand eingekehrt. Wodurch? Ich kann es nicht genau sagen, aber es kommt mir vor, als sei mir irgendwann der Geruch von Herrenparfum in die Nase gestiegen. Wann? Als ich auf einer Schallplatte Benn zum ersten Mal seine Verse vortragen hörte? („Bahnhofstraßen und Ruen, / Boulevards, Lidos, Laan – / selbst auf den Fifth Avenuen / fällt Sie die Leere an.“) Und ich an der Aussprache merkte, daß er weder die Laan noch die Fifth Avenue gesehen hatte, seine Weltläufigkeit also Behauptung und Anmaßung war? Noch in den 60er Jahren also, in einem Alter, in dem ich mit großer Kleinherzigkeit jede Enttäuschung durch meine Helden mit Liebesentzug bestrafte? (Obwohl ich doch schon damals hätte wissen können, daß Benn es mit Pascal hielt, der alle Leiden des Menschen daher kommen sah, daß er nicht ruhig in seinem Zimmer bleiben konnte und der Rückzug aufs Ich Programm war.) Oder erst später, in den 80ern, als ich beim Wieder- und Wiederlesen etwas Eitles und Posenhaftes in den Gedichten zu entdecken meinte, hohles Pathos? „Der soziologische Nenner, / der hinter Jahrtausenden schlief, / hieß ein paar große Männer / und die litten tief.“ Ich weiß es nicht. Aber ich weiß heute, daß es sich um Generationspathos handelt, Ausfluss einer Erziehung, die auch jenen soldatische Haltung abverlangte, denen, wie Benn, schon auf Grund ihrer Konstitution das Heldische fern lag. Oder ist es noch anders? Ist das, was ich Abstand nenne, Ärger über die den Verstand ausschaltende Verführungskraft solcher Zeilen, die einem mit der Geschmeidigkeit von Schlagern in die Ohren gehen und sich dort einnisten? „Und heißt dann: schweigen und walten, / wissend, daß sie zerfällt, / dennoch die Schwerter halten / vor die Stunde der Welt.“

Als ich Ende der Sechziger nach Berlin zog, suchte ich ein möbliertes Zimmer. Und obwohl ich eigentlich nach Friedenau wollte, mietete ich eins in Schöneberg, bloß weil es in der Bozener Straße lag, zwei Häuser von Benns langjähriger Wohnung (und Praxis) entfernt, ein großer heller Raum, den ich indes nur zwei Tage behielt. Am dritten wurde ich von den Vermieterinnen, zwei alten Damen, wieder an die Luft gesetzt, weil ich eine Matratze aus einem Möbelkeller angeschleppt hatte, in der sie eine Brutstätte von Ungeziefer vermuteten. Es war November, ein Monat nach meinem Abitur. Berlin erschien mir grau und abweisend. Nie wieder danach habe ich die Stadt so unwirtlich erlebt. Ich erinnere mich, wie ich nach meinem Rauswurf, die Matratze hinter mich herziehend, bei Benn vorbeikam und dachte: Ja, wenn man da jetzt klingeln könnte.

 


 

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