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Die Abweichung von der Plastik

Karosh Taha

Die Abweichung von der Plastik
© privat

Zu glauben, einen Gedanken zu verschriftlichen, hänge nur von der (Un-)Fähigkeit einer Schriftstellerin oder eines Schriftstellers ab, ist ein Missverständnis, das auf der Annahme beruht, Sprache sei vollkommen, Sprache könne alles zum Ausdruck bringen, was ich denke und fühle. Könnte man mit Sprache und mit Schrift und mit Literatur ausdrücken, was wir meinen, bräuchten wir keine anderen Künste wie den Tanz, die Musik, die Malerei usw. Zu glauben, ein Tanz und ein Gedicht drückten das Gleiche mit anderen Mitteln aus, verwechselt den Tanz mit dem Gedicht, oder wie viele Menschen es mit dem Medium Film und Buch tun, erschreckenderweise auch viele Schriftsteller·innen.

Literatur ist nicht die Beschreibung der Welt, sondern die Schrift, die in mir entsteht. Ich will nicht eine Wirklichkeit beschreiben, sondern eine Vorstellung verwirklichen.

Wenn wir anfangen, nur zu beschreiben, dann müssen wir trotzdem die Beschränktheit des Sehens, die Grenzen der Physiologie des Sehens überwinden. Sprache, die meine Vorstellung verlässt, bricht in der Schrift wie das Licht, das aus dem Medium Luft ins Wasser strahlt.

Wollte ich die Wirklichkeit beschreiben, würde ich ein Telefonbuch schreiben; selbst die Wirklichkeit, in der ein Telefonbuch die Wirklichkeit beschreibt, existiert nicht mehr.

Ich kann nicht schreiben, wenn ich die Form nicht kenne, zu der Form zähle ich auch den Klang, der entscheidet, wie ein Satz endet, nicht zu verwechseln mit der Klangfarbe, die bestimmt, welche Wörter angemessen sind. Wenn ein Biss auf der Haut die Spur einer Zahnreihe bezeugt, welche Spuren hinterlässt der Text bei Lesenden. Mit Absicht oder unbeabsichtigt. Als könnte ich darüber entscheiden. Wenn ich die Rezensionen zu meinen Büchern lese, fühle ich mich ausgeliefert, zweifele ich an meinen Absichten und der Rezipierenden. Wenn ich die Rezensionen lese, habe ich versagt, oder wie ist es möglich, dass die Texte so sehr missverstanden werden?

Die Vorstellung von einem Text weicht von seiner Realisierung ab; die Aufnahme des Textes durch andere Augen verwischt meine Vorstellung von meinem Text endgültig; ich fühle die größte Distanz zu meinen Sätzen, als hätte nicht ich sie geschrieben.

Es sind die unauffälligen Textstellen, die unzitiert bleiben, die Kolleg·innen auffallen, zu diesen Textstellen spüre ich eine Bindung, gehalten durch die Erinnerung, als ich sie schrieb, mich an die Stimmung erinnere, in der ich war, als ich es schrieb, mich an meine Vorstellung von dem Text erinnere.

 


 

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Dieser »Stoff« ist Teil von Stoffe #8.

Materialsammlung »Stoffe«

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