Zwei blaue Haken | von Mahshid Mirmoezi
Aus dem Persischen von Sarah Rauchfuß
– Hallo. Weißt du es schon?
– Ja. Sie haben auch das Festnetz abgestellt.
– Bei der Tante in der Nähe wurde bombardiert. Hast du etwas von ihnen gehört?
– Wir haben gesprochen, bevor sie die Telefone abgestellt haben. Es ging ihnen gut. Sie haben Pasteur bombardiert.
– Das Haus des Führers wurde getroffen.
– Unser Nachbar schreit vor Freude.
– Verfolgst du die Nachrichten?
– Ja. Eine Wäsche hab ich auch angemacht, wer weiß, nachher stellen sie noch Strom und Wasser ab.
– Datum und Uhrzeit standen wohl schon seit Wochen fest.
– Ja, hab ich auch gehört. Gut, ich geh dann mal meine letzte Dusche nehmen.
– Nun komm aber! Wie redest du denn?
– Na, kann doch sein, dass sie dieses Mal auch den Rest abdrehen.
– Mein Schatz, bitte melde dich bei mir, wann immer es geht.
Der Auszug stammt aus dem Chatverlauf mit meinem Sohn. Es war der Tag, an dem Israel und die USA den Iran angegriffen haben. Der achtundzwanzigste Februar. Vielleicht ist es gut, dass ich seit dem zweiten März in Berlin bin. Solange ich lese und übersetze, scheinen die schlechten Nachrichten etwas in die Ferne zu rücken. Das Internationale Übersetzer*innentreffen im LCB. In der Woche mit den anderen Übersetzer*innen hatten wir ein so volles Programm, dass ich unser Unglück tatsächlich manchmal vergessen konnte. Das ist das Wunder der Literatur! Du liest, du diskutierst, und alles andere tritt in den Hintergrund. Dann plötzlich kommst du wieder zu dir und findest dich in der Realität, im Krieg, mit den Bombardements und den Sorgen um deine Familie und dein Land. Zuflucht in den Büchern zu nehmen, ist für mich der einzige Weg da heraus. Als würde nichts Schlimmes geschehen, solange ich den Kopf nur zwischen zwei Buchseiten verberge und nichts sehe als Worte. Natürlich stimmt das nicht, aber ich möchte es gern glauben. Keine Nachrichten sind gute Nachrichten, sagt man im Iran. Ich weiß nicht, ob ich dem noch zustimmen kann. In der Gruppe oder während einer Lesung denke ich weniger an den Krieg. Ich versuche meine Besorgnis nicht zu zeigen. Lange Gespräche mit anderen Übersetzer*innen und zwei gemeinsame Themen: Die deutsche Sprache und Literatur. Als würden wie einander schon seit Jahren kennen. Jeden Tag fragen sie mitfühlend, ob ich schon von meiner Familie gehört habe. Ob es allen gutgehe. Ich antworte: Seit ein paar Tagen habe ich nichts gehört – oder: Ja, es geht ihnen gut. Ihre Empathie tut wohl. Und dann scherzen wir auch manchmal miteinander und lachen, aber tief in mir sitzt eine Traurigkeit, wie um mich zu ermahnen, nicht zu fröhlich zu sein. Auf der anderen Seite möchte ich den anderen aber auch die Zeit nicht schwer machen.
Immer wieder frage ich mich: Bin auch ich schuldig? Habe auch ich geschwiegen? Nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich viele Deutsche diese Frage gestellt, sie schwebte ganz allgemein im Raum: Hast du geschwiegen? Hast du wirklich von nichts gewusst? Bis heute wird darüber geschrieben und diskutiert. Auch Judith Hermanns neuer Roman »Ich möchte zurückgehen in der Zeit« handelt davon. Während des Treffen hat sie daraus gelesen und von den Fragen gesprochen, die die Kinder und Enkelkinder der Kriegsgeneration gestellt haben. Ich fragte sie, ob sie glaube, dass wir uns eines Tages vielleicht in derselben Situation wiederfinden könnten. Würden wir oder unsere Kinder und Enkelkinder uns dieselben Fragen stellen?
Ich habe nicht geschwiegen, aber aufgeschrien habe ich auch nicht. Aus einem einfachen Grund: Ich hatte Angst. Ich habe Angst. Diese Lähmung, die aus Furcht entsteht, macht viele handlungsunfähig – auch sprachlich. Die Zungen und Stifte werden schwerfällig, man schreibt nicht. Nur wenige haben den Mut und zahlen oft einen hohen Preis dafür. Vielleicht werden wir eines Tages ohne Angst und Zensur fragen können, warum wir nicht aufgeschrien haben und uns einer schonungslos ehrlichen Kritik unterziehen. Vielleicht werde ich einmal umfassender darüber schreiben müssen, später.
Ich muss arbeiten. Ich habe die Arbeit nicht niedergelegt und werde es auch nicht. Wenn einst ein Buch geschrieben werden sollte mit dem Titel „500 Sätze, die Ihnen helfen, Mut und Hoffnung zu bewahren, wenn Ihr Land bombardiert wird und Ihre Familie in Gefahr ist“, übersetze ich es. In jeder Epoche würde es Länder geben, in denen es plötzlich eine neue Leserschaft hätte. Krieg herrscht immer und so auch das quälende Warten auf Nachrichten.
Ich habe Navid Kermanis letztes Buch gelesen, „Sommer 2024“. Hätte er dieses Buch nicht geschrieben, er hätte wohl spätestens jetzt eines mit dem Titel „Winter 2025“ schreiben müssen. Wie viel in so wenigen Monaten passiert ist. Wirklich, wie viele Jahre ist dieser letzte Winter lang gewesen?
Zurzeit sehen die Iraner*innen und der Rest der Welt bloß zu. Wir sind wie Zuschauer*innen bei einem Tennis-Match. Zwei Kriegsparteien tauschen beständig Drohungen aus. Unsere Köpfe wenden sich von einer Seite zur anderen, ohne Einfluss auf Verlauf oder Ergebnis.
– „Mein Schatz, bitte melde dich bei mir, wann immer es geht.“
Der Satz hat noch immer nur einen grauen Haken. Jeden Tag schaue ich nach und hoffe auf die zwei Blauen.