Leselampe

Buchempfehlung der Woche

von Jörg-Uwe Albig

Jörg-Uwe Albig, geboren 1960 in Bremen, studierte Kunst und Musik in Kassel, war Redakteur beim Stern und lebte zwei Jahre als Korrespondent einer deutschen Kunstzeitschrift in Paris. Seit 1993 arbeitet er als freier Autor in Berlin. 1999 wurde sein Romandebüt Velo veröffentlicht. Es folgten die Romane Land voller Liebe, Berlin Palace, Ueberdog, Zornfried und zuletzt der Roman Das Stockholm-Sydrom und der sadomasochistische Geist des Kapitalismus und das Sachbuch Moralophobia.

Andrej Platonow
Die Baugrube
(Roman), Aus dem Russischen neu übersetzt von Gabriele Leupold, Suhrkamp Verlag, Berlin 2016

Die Baugrube, geschrieben 1930 und bis in die 1980er unveröffentlicht, ist für mich die atemberaubendste Neuentdeckung der letzten Jahre. Ein feinsinniges Monstrum, ein barbarisch zarter Horror-Schocker, ein schauriger Clown in der zusammengeklaubten Uniform eines autodidaktischen Apparatschiks. Platonow, 1899 geboren und in den 1920er Jahren Ingenieur für Bewässerungstechnik, erzählt darin die Entwicklung eines Bauprojekts in der sowjetischen Provinz in den Jahren der Kollektivierung unter Stalin: die neuen Hierarchien, die sich heimlich in die alten zurückverwandeln; die hundertjährigen Bauernschlauheiten und -dummheiten, die sich als fortschrittliche Ideologie verkleiden; die unverdauten und unverstandenen Utopien, die man mittels Litern von Wodka zu bgreifen sucht und sie sich damit noch utopischer trinkt. Das Sensationellste an dem Buch ist aber die Sprache: eine grotesk und gewollt fehlerhafte Kunstsprache aus Poesie, irren Philosophemen, Prawda-Slang und Bürokraten-Umständlichkeit, deren Übertragung ins Deutsche durch Gabriele Leupold ein kaum begreifliches Wunder ist: „Der Schneewind hatte sich gelegt; ein unklarer Mond erschien am fernen Himmel, der jetzt geleert war von Wirbeln und Wolken, - einem Himmel, der so kahl war, dass er ewige Freiheit zuließ, und so schaurig, dass für die Freiheit Freundschaft nötig war. Unter diesem Himmel, auf dem reinen Schnee, der schon hier und da von Schmeißfliegen betüpfelt war, triumphierte kameradschaftlich das ganze Volk.“ Am Schluss dieses fast physisch überwältigenden Romans stirbt übrigens auch das Waisenmädchen Nastja, die letzte Hoffnung aller Beteiligten, und landet wie viele zuvor in der Baugrube: „Woschtschew stand ratlos über diesem stillgewordenen Kind, - er wusste nicht mehr, wo denn jetzt der Kommunismus sein wird auf der Welt, wenn er nicht zuerst im kindlichen Gefühl und im überzeugten Eindruck ist?“  
 

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