Leselampe

Buchempfehlung der Woche

von Eugen Ruge

Eugen Ruge wurde 1954 in Soswa (Ural) geboren. Der diplomierte Mathematiker begann seine schriftstellerische Laufbahn mit Theaterstücken und Hörspielen. Für In Zeiten des abnehmenden Lichts wurde er unter anderem mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Seitdem erschienen die Bände Theaterstücke und Annäherung, die Romane Cabo de Gata, Follower und zuletzt Metropol (alle Rowohlt Verlag).

Leo Tolstoi
Krieg und Frieden
(Roman), 2 Bände, Aus dem Russischen übersetzt von Barbara Conrad, Carl Hanser Verlag, München 2010.

Wiedergelesen: Tolstoi, Krieg und Frieden in der neuen Übersetzung von Barbara Conrad. Ein Sittengemälde, ein Multi-Familienroman mit irrwitzigen Wendungen und ein großes Anti-Kriegsbuch.

Klar, Tolstoi ist ein Kind seiner Zeit, ein bisschen altväterlich, ein bisschen patriarchalisch, sehr russisch. Allerdings hat sein Russentum eine soziale Farbe. Er, der Graf, verehrt das Volk, die einfachen Menschen. Wie kaum ein anderer entlarvt er die sinnentleerte Lebensweise seiner eigenen Klasse. Er isst aus moralischen Gründen kein Fleisch, predigt Nächstenliebe und radikale Gewaltlosigkeit – und schafft es trotzdem, höchst interessante, widersprüchliche, lebendige Figuren zu erschaffen.

Was ihn aber weit über seine Zeit hebt, ist seine Haltung zum Krieg. Wie großartig die Szene als der ruhmeswütige Rostow dem französischen Offizier von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht und plötzlich, den ängstlichen Menschen erkennend, es nicht fertigbringt, den Säbel gegen ihn zu erheben. Auch Tolstois Verehrung für den russischen General Kutosow hat nichts vom Patriotismus der Epoche. Die Genialität des tolstoischen Kutusow ist ganz unheldisch; sie besteht darin, nichts zu erzwingen, seine Leute zu schonen wo es nur geht, sich lieber unehrenhaft zurückziehen als verlustreiche Schlachten zu schlagen. Wenn es nach ihm ginge, würde der Krieg beendet, sobald der Gegner vom Territorium des eigenen Landes verdrängt ist. Von da an übernehmen denn auch andere das Kommando und Kutusow – stirbt.

Ein Schmöker! Ein Pageturner! Ein Riesenwerk. Na schön, den neunmalklugen Epilog hätte der Alte sich sparen können.

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