Small Mercies
Stanley Park, Vancouver
It happened without rehearsal: an old man wanting some quiet, crumbs in his hands, and a group of little misfits –the park’s residents and usual suspects— rearranging themselves around him in search of some tasty fodder. A raccoon rose on tiptoe, his black-gloved paws rising up in a gesture of half-plea, half-prayer. A crow perched behind his human friend, solemn as a hooded monk, guarding him almost, from me, the bewitched intruder. Pigeons shuffled around on the gravel, acting like they owned the place – quiet, but clearly on a mission. The ducks rolled in, their shiny green heads sparkling in the sunlight like the stained glass of my favorite church. Nobody planned this little get-together. It just sort of happened, the way some things do –it bloomed the way wildflowers bloom: randomly, in silence, away from the crowds.
The world today feels heavy. Heavier than it used to. Fragmented: by race, by nation, by belief, by the illusion of separation. (Is it an illusion? I don’t know anymore…) Despite the studied efforts at blurring the lines between Good and Evil, Light and Dark, Truth and Lie, the divide between them has become glaringly distinct. Everywhere, people are sorted and measured, told they do or do not belong. Ours is a world built on categories: pest, citizen, enemy, friend, obscure, famous. On gross superficialities and on base emotional and physical addictions. But this scene captured by my novice camera held no such divisions. The raccoon was not rabid, the crow was not ominous, the ducks and pigeons were not a nuisance and the man was not a nobody. Here, in this small secret gathering, no one asked who deserved to be fed or to be loved. No projections of ugliness and beauty. No labels, no fear. Only a man offering what he had, and the quiet gratitude from those who had learned to survive on very little.
This photo was spontaneous, and accidental. Spontaneous, because on a busy and sunny Saturday in Stanley Park, I felt like I had stepped into a fairy-ring that teleported me briefly to a calmer reality. Accidental, because I rarely take good photos. I don’t know this man. I never spoke to him. Is he happy? I often wonder about him in the odd way I wonder about all the strangers that unknowingly appear in my photos. What’s his story? Where did he go after this? All I know is that, for these little lives, in this one fleeting instant, he was the Sun. And I –by some peculiar coincidence— immortalized him. And them. His little friends. The man is nobody the news would name. His kindness will not go viral. Still, his loving presence became a small republic where those different species held equal citizenship.
There is something subversive in that simplicity. Why do we make love so complicated? We are skilled at pointing at the devil without, because it’s easier than pointing at the one residing comfortably within us. We are full of bias and small and large cruelties, and we are happy to take them with us to the grave. There have always been voices constantly telling us to close our doors, tighten our borders, to protect what is „ours“ and demolish what isn’t, and yet this man did the opposite. He gave and they took, with appreciation… When injustice is legalized, and identity reduced to permits and privilege, a moment like this becomes a kind of gentle protest. The man did not raise his voice, and yet, his stillness had weight. In this mixed up and perverse reality we are experiencing, a reality so full of the most bone-chilling, broadcasted atrocities that have traumatized our souls to the point of numbness, he showed up, with an open hand. He did not discriminate. His bench became an altar, his crumbs: a sacrament. What drew them to him was perhaps the same thing many of us are searching for: a presence that gives without judgement, a light that doesn’t turn away.
He reminded me that some revolutions move without sound, and are carried in quiet gestures and without an audience: in the dignity of offering, in the stillness of a humble presence that asks for nothing in return.
Would he have done the same had the congregation surrounding him consisted of humans and not animals?
I don’t know, but I’d like to hope so.
I don’t know if it’s age, wisdom, or both, but I’ve come to appreciate this kind of rebellion…
“Let the beauty we love be what we do,” Rumi wrote. “There are hundreds of ways to kneel and kiss the ground.” This captured moment, I believe, was one of them. A sincere act of worship. A man –perhaps fed up of his own kind, perhaps invisible to his own society– kneeling not in body, but in spirit. Seen and accepted by those whom the world calls insignificant.
If this world is ever to be healed, it will not be through a grand spectacle, but through these small, radiant mercies springing rapidly and in abundance in individual souls. The kinds of mercies no one teaches you. The kinds you simply choose. Like this man chose on that still Vancouver afternoon.
Kleine Gesten der Barmherzigkeit
Stanley Park, Vancouver
Die Szene ergab sich von selbst, sie war nicht gestellt: Ein alter Mann, etwas Brot in der Hand, will sich kurz ausruhen, und einige Parkbewohner – Außenseiter, die üblichen Verdächtigen – scharen sich in der Hoffnung auf etwas zu essen um ihn. Ein Waschbär geht auf die Zehenspitzen, seine schwarz behandschuhten Pfoten halb bittend, halb betend erhoben. Eine Krähe, würdevoll wie ein Mönch in Kutte, hockt hinter ihrem menschlichen Freund, fast wirkt es, als wollte sie ihn vor mir, der gebannten Beobachterin, beschützen. Tauben tippeln über den Weg, als gehörte das alles hier ihnen – gelassen, aber mit einem klaren Ziel vor Augen. Enten watscheln herbei, ihre schillernd grünen Köpfe leuchten im Sonnenlicht wie die Bleiglasfenster meiner Lieblingskirche. Niemand hat diese Begegnung geplant. Sie ergab sich einfach, wie manche Dinge im Leben – sie erblühte wie Wildblumen: absichtslos, geräuschlos, abseits des Getümmels.
Die Welt fühlt sich heute schwer an. Schwerer als früher. Fragmentiert von Rassismus, Nationalismus, Religion, der Illusion von Spaltung. (Ist es eine Illusion? Ich weiß es nicht mehr …). Trotz verstärkter Bemühungen, die Grenzen zwischen Gut und Böse, Licht und Dunkelheit, Wahrheit und Lüge zu verwischen, ist der Unterschied zwischen ihnen klarer denn je. Überall werden Menschen sortiert und vermessen, man sagt ihnen, sie seien zugehörig oder nicht zugehörig. Unsere Welt besteht aus Schubladen: Schädling, Staatsbürger, Feind, Freund, unbekannt, berühmt. Aus Oberflächlichkeiten, aus emotionalen und körperlichen Abhängigkeiten. Doch in dieser Szene, die ich mit meiner Kamera festgehalten habe, existierten derlei Unterscheidungen nicht. Der Waschbär ist nicht räudig, die Krähe nicht unheimlich, die Enten und Tauben keine Plage, der Mann kein Niemand. Bei dieser kleinen Zusammenkunft fragte niemand, ob das Gegenüber Essen oder Liebe verdient hat. Es gab keine Projektion von Hässlichkeit oder Schönheit. Keine Kategorien, keine Angst. Bloß einen Mann, der gab, was er hatte, und die stille Dankbarkeit derjenigen, die wissen, wie man mit sehr wenig überlebt.
Das Foto entstand spontan und zufällig. Spontan, weil ich an einem schönen Tag im belebten Stanley Park den Eindruck hatte, ich wäre in einen Feenkreis getreten und kurzzeitig in eine ruhigere Realität katapultiert worden. Zufällig, weil ich nur selten gute Fotos mache. Ich kenne den Mann nicht. Ich habe noch nie ein Wort mit ihm gewechselt. Ist er glücklich? Seltsamerweise muss ich oft an ihn denken, wie an all die Fremden, die unwissentlich in meinen Fotos auftauchen. Was hatte er für ein Leben? Wo ging er anschließend hin? Ich weiß nur, dass er in diesem flüchtigen Augenblick für diese kleine Gruppe Lebewesen die Sonne war. Und dass ich ihn aufgrund einer merkwürdigen Fügung verewigt habe. Ihn und die anderen. Seine Freundinnen und Freunde. Dieser Mann kommt nicht in den Nachrichten vor. Seine Großzügigkeit wird nicht viral gehen. Trotzdem entstand aus seiner liebenswürdigen Anwesenheit eine kleine Republik, in der all diese verschiedenen Tiere gleichermaßen Staatsbürger waren.
Das ist so simpel wie subversiv. Warum machen wir es uns mit der Liebe so schwer? Wir zeigen gekonnt auf den Teufel außerhalb von uns selbst, denn das ist einfacher, als auf den Teufel zu zeigen, der sich in unserem Inneren eingenistet hat. Wir sind voller Vorurteile, voller kleiner und großer Grausamkeiten, die wir gern mit ins Grab nehmen. Es gab schon immer Stimmen, die darauf beharrten, wir müssten unsere Türen verschließen und unsere Grenzen abschotten, wir müssten beschützen, was »unser« ist und alles andere zerstören, und trotzdem tat dieser Mann das genaue Gegenteil. Er gab, und sie nahmen dankbar … Wenn Ungerechtigkeit Gesetz wird und Identität auf Papiere und Privilegien reduziert wird, kann ein Moment wie dieser ein sanfter Protest sein. Der Mann erhob seine Stimme nicht, aber sein Schweigen hatte Gewicht. In der unverständlichen, unmenschlichen Realität, in der wir leben, einer medial vermittelten, markerschütternd brutalen Realität, die unsere Seelen bis zur Abgestumpftheit traumatisiert, war er einfach da und streckte die Hand aus. Er behandelte alle gleich. Seine Bank war ein Altar, sein altes Brot: ein Sakrament. Und die anderen fühlten sich zu ihm hingezogen, weil sie vermutlich nach demselben suchten wie viele von uns: Jemand, der da ist und gibt, ohne zu urteilen, ein Licht, das sich nicht abwendet.
Der Mann rief mir in Erinnerung, dass manche Revolutionen leise stattfinden, ohne Publikum, dass sie aus kleinen, würdevollen Gesten bestehen, aus Hingabe und Bescheidenheit, daraus, für andere da zu sein, ohne eine Gegenleistung zu erwarten.
Hätte er dasselbe getan, wenn seine kleine Gemeinde nicht aus Tieren, sondern aus Menschen bestanden hätte?
Ich weiß es nicht, aber ich will es hoffen.
Ich weiß nicht, ob es ich alt geworden bin oder weise oder beides, aber mittlerweile schätze ich diese Art zu rebellieren …
„Lass die Schönheit, die wir lieben, das sein, was wir tun“, schreibt Rumi. „Es gibt Hunderte Arten, niederzuknien und den Boden zu küssen.“ Ich glaube, dieser eingefangene Moment ist nichts anderes: ein aufrichtiger Akt der Anbetung. Ein Mann, der vielleicht die Nase voll hat von seinen Mitmenschen – der vielleicht in der Gesellschaft, in der er lebt, unsichtbar ist – kniet nieder, nicht körperlich, sondern im Geiste. Und diejenigen, die in dieser Welt als bedeutungslos gelten, sehen und akzeptieren ihn.
Sollte diese Welt je gerettet werden, dann nicht durch einen Paukenschlag, sondern durch solche kleinen Gesten der Barmherzigkeit, die unverhofft und verschwenderisch von einer individuellen Seele ausstrahlen. Die Art von Barmherzigkeit, die uns niemand beibringt. Für die man sich spontan entscheidet. Wie dieser Mann an einem stillen Nachmittag in Vancouver.
Übersetzung: Sonja Finck
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